Keine Hochzeit ohne Hochzeitsbeugel

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Foto: Privatarchiv Dr. A. Putz

Das JA-Wort ist noch immer dasselbe. Die Hochzeiten selbst haben sich aber stark gewandelt. Aus dem einst engen Familienfest ist ein Event geworden. Wie früher dabei: das burgenländische Hochzeitsbeugel.

DSC_0094Schon ein bis zwei Wochen vor dem „schönsten Tag im Leben“ der Brautleute spielt das Hochzeitsbeugel eine große Rolle – nämlich, wenn es an Freunde, Bekannte und Verwandte ausgeteilt wird. Auf der Hochzeit selbst ist es ebenso im Mittelpunkt, wenn es traditionsgemäß von den schaulustigen Zuschauern – mit oder ohne einen Schluck Wein – verkostet oder mit nach Hause genommen wird. Und auch bei Hochzeits-Agapen stärken sich die Hochzeitsgäste und Brautleute genüsslich am Hochzeitsbeugel. Eine Hochzeit ohne Hochzeitsbeugel – das ist im Mittelburgenland unvorstellbar.

Hochzeitsbeugel-Eldorado

Ein Hochzeitsbeugel ist unverkennbar. Jedoch gleicht keines dem anderen. Jeder Bäcker hat ein anderes Rezept, viele Konsumenten unterschiedliche Geschmäcker. Der eine mag es saftiger, der andere schätzt das Teigige, der dritte den unverkennbaren Geschmack aufgrund spezieller Zutaten. Die lange Tradition und die verstärk­te Nachfrage haben jedenfalls bewirkt, dass heute fast jeder Bäcker sein hauseigenes Hochzeitsbeugel herstellt. Das Mittelburgenland ist zum Eldorado für Beugel-Genießer geworden. Man muss nämlich nicht unbedingt heiraten, um zu einem Hochzeitsbeugel zu kommen.

Bäckermeister Marc Schuh aus Mannersdorf beschreibt das Beugel fachmännisch als süßes Gebäck aus mittelschwerem Hefeteig: „Burgenländische Hochzeitsbeugel werden aus zwei Strängen geflochten, wie eine Schnecke eingerollt und traditionell in Kochtöpfen, den sogenannten „Reindln“, die als Form dienen, gebacken.“ Gängige Größen sind ein halbes und ein Kilogramm. Wie typisch sein Beugel ist, hat Schuh von einer Kundschaft erfahren: „Der einzige Wunsch der Verwandtschaft in Florida war ein Hochzeits­beugel von daheim. Sonst nichts, nur das.“ So ist sein Hochzeitsbeugel zur Rarität aufgestiegen, verpackt und nach Übersee verschickt worden.

Verschwunden ist der Begriff „Hochzeitsbeugel“ beim Pionier dieser Traditionsspeise, bei der Traditionsbäckerei Thurner in Steinberg. 2011 wurde Thurner von der JOMO Zuckerbäckerei in Leobendorf, einem Unternehmen der Vorarlberger Backwarengruppe Ölz, übernommen. Auf der Hülle steht heute schlicht „Butter-Beugel“. Jomo dazu: „Das Rezept ist das gleiche wie beim einstigen Hochzeitsbeugel. Man ist aber vom Namen abgegangen, weil die Kunden kein 800-Gramm-Produkt mehr nachfragen.“

Ein anderer Beugel-Pionier, die Bio-Bäckerei Gradwohl in Weppersdorf,  bietet das Hochzeitsbeugel in seinen 3 Filialen des Burgenlandes an. Nicht in  den 14 Filialen in Wien und Niederösterreich – und nicht in Bio. Die Chefin Emma Gradwohl: „In Bio-Qualität anzubieten, ist ein Kostenfaktor. Und außerhalb des Burgenlandes  verkaufen wir sehr gut einen Dinkelknopf aus Vollkorn, angelehnt an das Rezept des Hochzeitsbeugels.“

Viele Bäckereien des Bezirkes sind allein durch ihr Hochzeitsbeugel bekannt. So auch die Bäckerei Warda in Lackenbach, wo das Beugel das Paradeprodukt unter den 120 Artikeln ist. Viktor Warda hat das Rezept von seinem Vater übernommen: „Natürliche Zutaten, das macht’s aus und eine lange Zubereitungszeit, damit sich die Geschmacksstoffe im Teig bilden können.“ Der Bäcker sieht sogar einen Trend hin zum Beugel: „Momentan zeichnet sich bei Hochzeiten ab, mehr Beugel und weniger ,kleine Mehlspeise’ zu nehmen.“

Auf die richtigen Zutaten setzt auch Nikolaus Wild aus Steinberg: „Die Qualität des Mehls ist enorm wichtig, wenn das Beugel schmecken soll.“ Rezept und Form hat er vor gut 15 Jahren vom Vorgängerbetrieb übernommen und die Qualität der Zutaten erhöht.

In der Bäckerei Koo in Oberpullendorf stehen gleich zwei Hochzeitsbeugel zur Auswahl: das kroatische Hochzeitsbeugel mit einem Loch in der Mitte und ein ungarisches Hochzeitsbeugel in Tortenform. Es sind dies  traditionelle Bezeichnungen, die Roland Koo von seinem Vater übernommen hat.

In Deutschkreutz weiß man Geschichten rund um das Beugel zu erzählen.
Bäckerei-Chef Reinhold Prunner erinnert sich, wie eine spezielle Zutat von ihm zum Aufreger geworden ist: „Wir haben parallel zwei Hochzeitsgesellschaften beliefert. Und gerade die, welche in stundenlang mühevoller Arbeit mit Freunden Zitronenschale abgerieben hat, hat ihr Hochzeitsbeugel ohne Zitrone geliefert bekommen. Die fleißigen Helfer haben sich fürchterlich beschwert, weil sie von der Arbeit, für 200 Hochzeitsbeugel Zitronenschalen abzureiben, nichts gehabt haben. Und die andern hom si g’freit.“

So beliebt das tortenartige, ungefüllte Beugel bei uns ist, so rätselhaft bleibt die Herkunft des Namens. Wahrscheinlich bezieht sich die Bezeichnung auf die halbrund gebogene – gebeugte – oder kreisrunde Gestalt. Marc Schuh präzisiert. Er meint, dass der Name aus dem Althochdeutschen „boug“ kommt, was soviel bedeutet wie „Ring“. Nur eines, die Herkunft des Beugels, dürfte unbestritten sein. Es waren die kroatischen Zuwanderer vor 400 bis 500 Jahren, die diese Art von Kuchen zu uns gebracht haben.

„‘s Hohzatbagl“

„‘s Hohzatbagl“ ist ein traditionelles Festgebäck bei mittelburgenländischen Hochzeiten. Wie der „Haling­striezl“, der früher ein sehr begehrtes Patengeschenk zu Allerheiligen war, gehört das Hochzeitsbeugl zu den sogenannten süßen „Gebildbroten“, die an Feste des Jahres- oder Lebenslaufes geknüpft waren. So erklärt es der Brauchtumsexperte Dr. Adalbert Putz aus Deutschkreutz. 

Beide gehen auf ein ursprüngliches Seelenopfer zurück, bestimmt für die Ahnengeister, die man damit besänftigen und wohlwollend stimmen wollte. Kinder, Dorfarme oder brauchtümlich Maskierte durften dieses Seelenopfer stellvertretend entgegennehmen. Bei unseren Dorfhochzeiten war diese Vorstellung noch vor wenigen Jahren deutlich zu beobachten. Denn unmittelbar nach der Rückkehr von der Trauung, noch vor dem Hochzeitsmahl, geht die Braut mit einer großen Schüssel aufgeschnittenem Hochzeitsbeugel auf die Straße, um das Backwerk auszuteilen, ursprünglich ausschließlich an die dort wartenden Kinder.

Dahinter stecke – so Putz – ein geradezu „heidnischer“ Volksglaube. Dieses Beugelausteilen der Braut war anfänglich ein Opfer an die Hausgeister, also an die Ahnen, die sie mit ihrer Gabe für ihre eigene Person günstig stimmen wollte, um wohlwollend in die neue Hausgemeinschaft aufgenommen zu werden. Die Nutznießer dieses Brauches waren eben die „Kinder und Armen“, was mittlerweile mehr und mehr in Vergessenheit gerät.

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