Die Wahrheit über die Abstimmung von Ödenburg 1921

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Dr. Anton Fennes Der Historiker aus Deutschkreutz blickt für Burgenland Mitte zurück
Dr. Anton Fennes
Der Historiker aus Deutschkreutz blickt für Burgenland Mitte zurück

Das Ergebnis der Volksabstimmung stand im Großen und Ganzen schon vorher fest. Es war der ausverhandelte Kompromiss.

„Wenn  man die Akten sieht, muss man sagen, dass es bereits vorher weitgehend festgelegt war, einen Kompromiss zu machen. Weder Österreich noch Ungarn konnten die Sache glatt entscheiden. Die Burgenländer in Deutschwestungarn und ungarische Regierungskreise wollten keinen Krieg, die Österreicher konnten sich keinen Krieg leisten. Jeder Tote, der gefallen wäre im Kampf um dieses Land, wäre einer zu viel gewesen. Das hat man eingesehen. Und so haben die Ungarn sich bereit erklärt, die Freischärler selbst zu entwaffnen, ohne dass es zu einem weiteren Zusammenstoß mit dem österreichischen Bundesheer gekommen wäre. Die Ungarn wollten aber dafür etwas haben – und das war die Stadt Ödenburg“.

Ergebnis stand vorher fest

Der burgenländische Historiker Gerald Schlag brachte es auf den Punkt. Beide Seiten mussten dieses Verhandlungsergebnis akzeptieren, wenn auch nur unter heftigen Protesten und scharf formulierten diplomatischen Noten. Das Ergebnis dieser Volksabstimmung stand im Großen und Ganzen also schon vorher fest. Man musste es nur einigermaßen glaubwürdig der Öffentlichkeit klarmachen. Das hieß, dass Österreich eine Abstimmung akzeptierte, von der man annehmen musste, dass diese planmäßig für Ungarn ausgehen werde.

Propaganda mit Folgen

Als Datum dieser Abstimmung wurde für Ödenburg der 14. Dezember 1921 und für die 8 Nachbargemeinden der 16. Dezember bestimmt. In der Vorbereitungsphase kam es auf beiden Seiten zu einer wahren Propagandaschlacht.

Die Lage im Dezember 1921 kommentierte der österreichische Gesandte an der Botschaft in Budapest, Theodor Hornbostl, einigermaßen besorgt: „Es gab sehr viele burgenländisch deutsche prominentere Leute – Abgeordnete, Lehrer und Beamte, die für einen Verbleib der deutsch-westungarischen Komitate bei Ungarn eintraten. Aber die große Masse der Bevölkerung war für einen Anschluss an Österreich“.

Masse für Anschluss an Österreich

Vor allem der „Ödenburger Heimatdienst“ (ÖHD) setzte sich für diese Anschlussbewegung ein. Die Organisatoren ließen Flugblätter und Plakate herstellen, die man unter beträchtlichen Schwierigkeiten ins Burgenland und dann weiter in das Abstimmungsgebiet geschmuggelt hatte.

Die Ungarn setzten in diesen Wochen alle Mittel der legalen und weniger legalen Beeinflussung ein. So wurden zum Beispiel die Abstimmungslisten und die dazugehörigen Wahlausweise manipuliert, um eine verlässliche Mehrheit für Ungarn zu garantieren. Und auch die ungarischen Medien agitierten in diesem Sinne. So hieß es im Christlichen Ödenburger Tagblatt: „Mitbürger, es ist Pflicht jedes patriotisch gesinnten Mannes, jeder patriotisch gesinnten Frau, an der Abstimmungsurne zu erscheinen. Wenn jedermann seine Pflicht erfüllt, werden wir, die wir treu zu unserem Vaterlande, Ungarn, halten, einen glänzenden Sieg davontragen“.

Manipulation

Die „Neue Freie Presse“ beschrieb die Abstimmung als eine Komödie: „Die ungarischen Behörden haben nicht nur den militärischen, sondern auch den ziviladministrativen Apparat im Sinne einer rücksichtslosen Abstimmungs- und Propagandaaktion in Bewegung gesetzt. … „Alle in Ödenburg anwesenden Behörden stehen vom höchsten bis zum niedrigsten Beamten im Dienste der Abstimmungspropaganda“.

Als der österreichische Versuch, die Volksabstimmung um vier Tage verschieben zu lassen, von den alliierten Vertretern abgelehnt wurde, zog Österreich seine Abstimmungskommissare unter Protest ab. Die Abstimmung fand daher ohne offizielle Vertreter Österreichs statt. Dies nutzten die pro-ungarischen Agitatoren für ihre Propaganda ausgiebig aus.

Ein neues Bundesland ohne Hauptstadt

Die Volksabstimmung brachte dann auch das erwartete Ergebnis. Von den abgegebenen 24.000 Stimmen erreichten die Ungarn 65 Prozent und Österreich 35 Prozent. In Ödenburg selbst stimmten knapp 73 Prozent für Ungarn – von den 8 Nachbargemeinden  immerhin 5 – Agendorf/Agfalva, Harkau/Harka, Kroisbach/Fertörakos, Wandorf/Sopronbanfalva und Wolfs/Balf – mit zum Teil deutlicher Mehrheit für Österreich. Das änderte aber nichts. Ödenburg und alle 8 Gemeinden verblieben bei Ungarn. Das neue Bundesland Burgenland hatte damit seine „logische“ Hauptstadt verloren.

Ungarn feierten Sieg

Während die Österreicher trauerten, jubelten die Ungarn euphorisch. Vor allem die ungarischen Medien feierten tagelang diesen Abstimmungssieg. Das Christliche Ödenburger Tagblatt schrieb: „Gestern Abend, 6 Uhr, erklangen sämtliche Glocken unserer Stadt, uns durch ihren ehernen Mund die frohe Botschaft in alle Lande zu senden – Ödenburg bleibt bei Ungarn“.

Das offizielle Österreich nahm den Verlust von Ödenburg politisch zurückhaltend zur Kenntnis, und Ungarn konnte ab dem 1. Jänner 1922 wieder die vollen Herrschaftsrechte über das Ödenburger Gebiet ausüben.

Quelle: Gerald Schlag,
„Aus Trümmern geboren…“
Burgenland 1918–1921,
Eisenstadt 2001