Klein, aber oho!

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Christof Jestl

Die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen nimmt ständig zu. 250 Kleinst-Unternehmen wurden im Vorjahr im Bezirk neu gegründet. BURGENLAND MITTE zeigt das bunte Bild der Persönlichkeiten und Tätigkeiten dieses Wirtschafts­­bereiches.

Ein-Personen-Unternehmen stellen bereits mehr als die Hälfte der heimischen Betriebe. Im mittleren Burgenland arbeiten 6 von 10 Unternehmen ohne unselbständig Beschäftigte – und auch ohne geringfügig Beschäftigte. Laut Statistik gab es hier zu Jahresanfang fast 1.400 Ein-Personen-Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft. Nur ein geringer Teil davon sind GmbH, die meisten sind Einzelunternehmerinnen oder Einzelunternehmer.

Die mit Abstand größte Gruppe unter den Ein-Personen-Unternehmen stellen die Berater und die Personenbetreuer. Hier hinein fallen auch die aus Osteuropa kommenden Pflegerinnen, die als Selbständige ihre Betreuungsdienste anbieten und abrechnen.

Der Vinothekar kündigt und sucht die Herausforderung

Dominik Pingitzer
Dominik Pingitzer

Die Großmutter hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie erfährt, dass ihr Enkelsohn eine mögliche Beamtenlaufbahn gegen eine Selbständigkeit getauscht hat. Doch Dominik Pingitzer aus Deutschkreutz hat sich nicht beirren lassen. Der 27-Jährige hat im Landhaus in Eisenstadt gekündigt und leitet seit Anfang März die Vinothek in Horitschon. Es macht ihm Spaß, er muss nicht mehr so früh auf­stehen und kann sich grundsätzlich seine Öffnungszeiten frei einteilen. Die Wochenend- und Abenddienste nimmt er gerne in Kauf.

Pingitzer hat nach der HAK in Oberpullendorf in Pinkafeld „Gesundheitsmanagement und -Förderung“ an der Fachhochschule studiert und abgeschlossen. Dem Wein hat schon immer sein Interesse gegolten. Lange
vor der Job-Chance hat er das Basis-Seminar in der Weinakademie in Rust besucht. Für die Selbständigkeit hat er die Gewerbeberechtigung „Weinhandel und Weinverkauf“ beantragt. Der Job verläuft so, wie er ihn sich vorgestellt hat. Er kann mit einer guten Basis arbeiten, nämlich mit Weinen von allen 21 Horitschoner Winzern, darunter österreichweit bekannte Spitzenbetriebe. Die Winzer bringen die Weine auf Kommission, abgerechnet wird monatlich. Er ist nun dabei, mit Events und Aktionen rund um den Wein den Verkauf zu steigern. Dominik Pingitzer weiß, dass es auf ihn selbst ankommt, um von der angestrebten Selbständigkeit auch leben zu können.

Der Technik-Spezialist steigt aus und wird Shiatsu-Praktiker

Christof Jestl
Christof Jestl

In Oberloisdorf trifft BURGENLAND MITTE auf einen entspannten Christof Jestl. Der 34-Jährige ist hauptberuflich und selbständig Shiatsu-Masseur. Umgelernt hat er, nachdem ihm der Angestellten-Job zu stressig geworden ist. Nach HAK-Matura und einem grafischen Kollega für Druck- und Medientechnik hat er 8 Jahre den Beruf ausgeübt. Er war viel unterwegs in Europa und immer unter Druck. Und es hat ihm etwas gefehlt.

Christof Jestl wollte neu starten. Auslöser dafür, dass es dieses Gewerbe geworden ist, war praktisch sein eigenes Leiden – und die erste Shiatsu-Massage, die bei ihm gewirkt hat. So hat er neben dem Full-time-Job fünf Jahre die Ausbildung gemacht. „Anfangs habe ich es für mich persönlich gemacht, als eine Art Selbstfindung“, erzählt der Oberloisdorfer. Nach einem Jahr Bildungskarenz hat er seinen Angestelltenjob gekündigt und die letzten zwei Jahre in Wien im Büro der Chefs der Shiatsu-Schule gearbeitet. Nach der Diplom-Prüfung im Dezember hat er sich mit Jahres-beginn selbständig gemacht. Er teilt sich
eine Gemeinschaftspraxis im Gemeindehaus mit einer Oberloisdorferin.

Seine Herausforderung ist, dass er als Unternehmer für alles verantwortlich ist, auch für Organisation, Kundenakquisition und Abrechnung. „Ich will Shiatsu im Mittel­burgenland bekannter machen. Und für mich hoffe ich, dass mein Angebot angenommen wird. Ich freue mich, wenn ich Menschen helfen kann.“ Mit der Nachfrage ist er zufrieden. Nur durch Mundpropaganda hat er – bei einem Stundenhonorar von 50 Euro  – inzwischen einige Stammkunden.

Die Handelsangestellte weicht Wochenenddiensten aus und wird Kosmetikerin und Fußpflegerin 

Alexandra Iby
Alexandra Iby

Jetzt, oder nie. Das war die Devise von Alexandra Iby, gebürtige Zontsich, die sich vor 6 Jahren im Alter von 23 Jahren in Unterpullendorf mit einem Kosmetik- und Fußpflege-Studio selbständig gemacht hat. Schon während des Halbtagsjobs im Verkauf einer Supermarktkette hat sie die Ausbildung und Befähigungsprüfung gemacht – und auch als Kosmetikerin und Fuß­pflegerin praktisch gearbeitet. Allerdings war der Wochenend-Dienst für sie nicht optimal. Sie hat die Herausforderung in einem eigenen kleinen Unternehmen gesucht.

Was daraus geworden ist? „Die Selbständigkeit bedeutet jedenfalls mehr als eine 40-Stunden-
Woche, viel Verantwortung und viele Sorgen“, erinnert sich Alexandra Iby, der es auch wichtig war, vom Job leben zu können. „Finanziell war es von Anfang an kein Problem. Ich hatte gute Resonanz auch in der eigenen Ortschaft, weil ich doch die Ortsbevölkerung gekannt hatte. Und Weiterempfehlung bringt einfach Umsätze.“ Heute reicht das Spektrum der Kunden von kleinen Mädchen, die mit der Mutter kommen, bis zu einer 100-Jährigen – und zu Männern, die schon ein Drittel der Fuß­pflegekunden ausmachen.

Am Anfang hatte sie Angst vor zu großer Konkurrenz, vor allem im benachbarten Ungarn. Heute
stellt sie ein Umdenken fest. Ihre Kartei umfasst immerhin 600 Namen. Doch nun kommt auf die Unternehmerin eine neue Herausforderung zu. Sie erwartet im Juli ihr erstes Kind und will nach dem Mutterschutz nur eine kurze Karenzzeit nehmen. Die Lösung hat sie schon: Ihre Schwester macht gerade die Ausbildung für Fußpflege und wird im Kosmetikstudio im Gemeindehaus ihre Kunden betreuen. „Der Zeitaufwand ist enorm. Ohne Familienunterstützung würde ich es nicht schaffen. Aber ich würde mich wieder selbständig machen“, bilanziert Alexandra Iby selbstbewusst.

Die Pflegerin aus Rumänien sucht Einkommen und findet Job  

Eva Ormenisan
Eva Ormenisan

Eva Ormenisan sagt es ohne Umschweife. Sie sei aus finanziellen Überlegungen nach Österreich gekommen. Die Rumänin ist selbständige Personenbetreuerin, ver­heiratet, hat zwei erwachsene Kinder. Die 43-Jährige wohnt und arbeitet in Ober­pullendorf.

Frau Ormenisan wollte ihre Sprachkenntnisse in der Pflegebranche zu einem Einkommen machen. Sie spricht rumänisch und ungarisch perfekt, italienisch und deutsch relativ gut. Sie hat die Matura im Gymnasium gemacht und studiert seit zwei Jahren in Rumänien Psychologie. Ihre Spezialfächer sind Demenz und andere Altersthemen.

Selbständig hat sie sich gemacht, weil es die einzige legale Möglichkeit gewesen ist, hier als Personenbetreuerin zu arbeiten. Sie ist seit 11 Jahren in der Personenbetreuung tätig. Begonnen hat sie in Italien, seit 7 Jahren ist sie in Österreich, zuerst in Klostermarienberg, jetzt in Oberpullendorf. Sie sieht viel Positives an ihrer jetzigen Form der Selbständigkeit: „Ich zahle keine Miete, Zimmer und Verpflegung stellt die Familie bereit. Und ich bin als Betreuerin wie ein Familienmitglied.“

Frau Ormenisan erläutert das System, der selbständigen Personenbetreuerinnen: „Gearbeitet wird als Paar, zwei Betreuerinnen wechseln sich ab, nach jeweils 28 Tagen. Beide müssen dort, wo sie betreuen, nebengemeldet sein. Und sie müssen sich selbst versichern. Der Verdienst liegt zwischen 1.300 und 1.600 Euro netto pro Monat, was von der Pflege­stufe der betreuten Person abhängt“, sagt die Betreuerin. Begonnen habe sie mit netto 1.000 Euro. Sie würde sich wieder selbständig machen. Auch wegen des Einkommens.

Der Taxi-Fahrer startet nach der Berufsfeuerwehr zweite Karriere

Kurt Siegel
Kurt Siegel

Der 58-jährige Raidinger Kurt Siegel ist zufrieden mit seinem Taxi-Unternehmen. Es war jedoch nicht sein erster Job, sondern die Lösung für eine schwierige Situation. Gelernt hat er Maler und Anstreicher, dann war er 20 Jahre lang bei der Berufsfeuerwehr in Wien. Während dieser Zeit hat er angefangen, nebenberuflich Taxifahrten durchzuführen. Nach einem Dienstunfall ist er voll umgestiegen als Taxifahrer. 20 Jahre lang war er angestellter Fahrer und Fuhrparkbetreuer, nebenher hat er mit Gewerbe­schein eine KFZ-Service-Station betrieben. Vor 11 Jahren hat er sich selbständig gemacht, seit vier Jahren betreibt er das Gewerbe vom Wohnort Raiding aus.

„Das Burgenland ist anders. Das Geschäft läuft über das Handy und die Mundpropaganda. Und das Hauptgeschäft ist am Wochenende und in der Nacht“, beschreibt Siegel seine Branche. Er schätzt die Selbständigkeit. Er genießt es, dass ihm niemand bei der Arbeit über die Schulter schaut – außer den Fahrgästen. Was ihn nachdenklich macht, sind die stark schwankenden Einnahmen: „Wir haben einen Tarif von einem Euro pro gefahrenem Kilometer. Bei unterschiedlicher Kilometeranzahl. So kommt trotz der guten Umsätze an den Wochen­enden im Monat kein wirklicher Reingewinn zusammen. Ein relativ gutes Geschäft habe ich nur in Monaten mit vielen Krankentransporten.“ Um ein Zusatz­einkommen zu erwirtschaften, macht er – gemeinsam mit der Ehefrau – Zeitungszustellungen.

Die Konkurrenz-Situation im Bezirk sieht der Unternehmer nüchtern: „Man nimmt sich gegenseitig die Arbeit nicht weg. Und an Wochenenden ist kein Taxifahrer im ­Mittelburgenland vor 6 bis 7 Uhr in der Früh zu Hause und macht Dienstschluss“, beschreibt Kurt Siegel die Auftragsspitzen. In vier Jahren will er in Pension gehen. Doch jetzt investiert er noch einmal – in einen Mietwagen, um mehr Krankentransporte machen zu können.

Die Hochzeits-Bäckerin macht ihr Hobby zum Beruf

Elisabeth Albrecht
Elisabeth Albrecht

Sie hat sich selbständig gemacht, um ihre Arbeit als Hochzeitsbäckerin korrekt und gesetzeskonform abwickeln zu können. Elisabeth Albrecht, verheiratet, 35 Jahre alt, aus Stoob. Sie hat immer schon gerne gebacken. Nun macht sie ihre Freizeitbeschäftigung zur Hauptbeschäftigung – und zu einem kleinen Nebenverdienst zum Arbeitslosengeld. Den nötigen individuellen Befähigungsnachweis hat sie vom Land bekommen, weil sie Kochen und Backen während ihrer Schulzeiten nachweisen konnte.

Zur nebenberuflichen Jungunternehmerin ist Frau Albrecht nach einigen beruflichen Versuchen geworden. Die dreijährige Fachschule für Sozialberufe hat sie abgebrochen, danach eine Friseurlehre begonnen und abgeschlossen und daraufhin hat sie sich umschulen lassen auf Mediendesignerin im Burgenländischen Umschulungszentrum in Neutal. Seit einem halben Jahr testet sie die Selbständigkeit als Hochzeitsbäckerin. Diesmal ist sie überzeugt, dass es gelingt. Durch Mundpropaganda, die eigene Homepage und einen Facebook-Auftritt möchte sie zu Aufträgen kommen, um letztendlich auch davon leben zu können. Weihnachten, Hochzeiten, kirchliche Feste und Geburtstagsfeiern könnten interessante Aufträge bringen. Und weil die Konkurrenz groß ist, geht Frau Albrecht vorsichtig ans Werk: „Ich habe nichts zusätzlich investiert und backe in meiner Küche mit meinem normalen Herd. Ich habe dadurch fast kein Risiko, stehe allerdings oft für wenig Umsatz von Freitag Früh bis Sonntag abends in der Küche.“ Eine echte Herausforderung sei es, wenn eine „Großbestellung“ kommt und 14 Blechschnitten auf einmal geliefert werden sollen. Und auch beim Kalkulieren legt sie sich ins Zeug, um ins Geschäft zu kommen: Für ein Kilogramm „kleine Mehlspeisen“ verlangt sie 25 Euro.

Zufrieden ist Elisabeth Albrecht, wenn die Rückmeldung kommt, dass alles gepasst und geschmeckt hat. Die selbständige Tätigkeit als „burgenländische Hochzeitsbäckerin“ ist für sie wie ein Testbetrieb, um zu sehen, ob man davon leben könnte. Und insgeheim hofft sie darauf, dass das Geschäft mehr wird – und sie sich den Traum von einer kleinen Café-Konditorei erfüllen kann.

Selbständige nutzen Chancen und entlasten den Arbeitsmarkt 

Ein-Personen-Unternehmer kennen viele Gründe, warum sie den Weg der Selbständigkeit zum Geldver-
dienen wählen. Die bei Umfragen der Wirtschafts­kammer meist genannten sind die Möglichkeit zur flexibleren Zeiteinteilung, die Unab­hängigkeit und die Chance zur Selbstverwirklichung. Dazu kommen die Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz, die fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten und die Beendigung von Arbeits­losigkeit. Letzteres darf die Gesellschaft nicht vergessen. 1.400 Ein-Personen-Unternehmer wirken auf den ersten Blick nicht imposant. Doch würde diese Zahl die Arbeitslosigkeit in der Region mit einem Schlag verdoppeln.  Denn die Selbständigen schaffen sich ihren Arbeitsplatz selbst und nutzen die Chancen, die der Markt bietet für sich – und für die Gesellschaft.

Wirtschaftskammer hilft bei Gründung

Mit speziellen Angeboten unterstützt die Wirtschaftskammer die Ein-Personen-Unternehmen beim Start und beim Durchhalten. So informiert das Internet-Informationsportal www.epu.wko.at über Wichtiges zu Steuern, Recht, Betriebswirtschaft, Finanzierung, Förderungen sowie über soziale Absicherung. Das EPU-Portal bietet Selbständigen die Möglichkeit, sich und ihr Leistungsportfolio zu präsentieren. Und es gibt kostenlose Web-Seminare, sogenannte Webinare, die unter http://epu.wko.at/webinare abgerufen werden können. Den engagierten Einzelkämpfern wird ein Break-Even-Rechner angeboten, mit dem einfach berechnet werden kann, wie viel ein erster Mitarbeiter kostet und ab welchem Umsatz sich die Einstellung rentiert.

Oft ist probieren besser als studieren. Doch ohne die wichtigsten Informationen wird das Wagnis Selbständigkeit zum Risiko. Unter den Workshops und Seminaren dürfte den Jungunter­nehmerinnen und Jungunternehmern ein Kurstitel aus der Seele gesprochen sein: „Die Kunst, alles unter einen Hut zu
bekommen.“