Die Geschichte vom Ritzinger Helenenschacht

von -
20
Dr. Anton Fennes Der Historiker aus Deutschkreutz blickt für Burgenland Mitte zurück
Dr. Anton Fennes
Der Historiker aus Deutschkreutz blickt für Burgenland Mitte zurück

Es war vor 250 Jahren, als ein Hirte im städtischen Wald von Ödenburg auf einer Anhöhe ein Feuer machte. Als dieses am nächsten Tag noch immer loderte, rannte der Hirte erschrocken in die Stadt und berichtete von dem brennenden Berg. So beschreibt die Legende die erste Begegnung mit der Kohle in diesem burgenländisch-westungarischen Gebiet bei Ritzing. Und daher kommt auch der Name der ungarischen Ortschaft „Brennberg“.

Diese Entdeckung war zugleich der Beginn der Kohleförderung beiderseits der heutigen Grenze zwischen dem Burgenland und Ungarn und dieser Kohlebergbau wurde auch wirtschaftlich bedeutend. Die Kohle war nämlich als billiges Brennmaterial für die Dampfmaschinen in den Fabriken enorm wichtig und bildete auch eine der Grundlagen für eine umfassendere Industrialisierung.

Vielversprechender Beginn

Nachdem bei Ritzing Kohleflötze entdeckt wurden, begann schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts zunächst im Tagbau der Abbau der Kohle. 1862 wurde dann der erste Ritzinger Schacht von den Pächtern, den Ödenburger Unternehmerfamilien Schwarz und Flandorfer, abgeteuft – diese bergmännische Bezeichnung bedeutet, einen Schacht von oben nach unten herzustellen. Wenige Jahre danach siedelten sich bereits die ersten Arbeiter an. 1882 teufte man dann den Helenen-Schacht ab, nach Helene Flandorfer benannt, der Gattin eines der Pächter. Ab 1888 betrieb dann die Brennberger Kohlenbergbau-Actien-Gesellschaft die Bergwerke in Brennberg, der Ortschaft im heutigen Ungarn, und Ritzing. Und sie machten gute Geschäfte aufgrund des Baubooms entlang der Wiener Ringstraße. Man benö­tigte nicht nur enorme Mengen Holz, Eisenerz und Ziegeln, sondern auch viel Kohle – und diese wurde durch den 61 Kilometer langen Wr. Neustädter Kanal in die Residenzstadt Wien transportiert. Später verlor der Kanal durch die Konkurrenz der Eisenbahn von Agendorf nach Wien an Bedeutung.

3.000 Bergleute

Aufgrund der großen Nachfrage nach dieser besonders hochwertigen Kohle eröffneten die Betreiber einen Schacht nach dem anderen. Und mit jedem neuen Schacht entstand gleichzeitig eine neue Siedlung. Am Höhepunkt des Abbaus lebten und arbeiteten bis zu 3.000 Leute in den von den Bergwerksbetreibern zur Verfügung gestellten Wohnungen.

Der Bergmann Ferdinand Becher erinnerte sich an die Erzählungen über die Aufbauphase des Brennberger Bergbaues: „Als bekannt wurde, dass hier ein Bergwerk eröffnet wurde, kamen aus den Nachbarländern die Männer her. Deutsche, Österreicher, Slowaken, Tschechen und Ungarn. Die Umgangssprache war Deutsch“. Diese Berg­leute waren übrigens auch die Elite der neuen Arbeiterschaft in dieser Region. 1907 streikten 800 Bergleute. Sie forderten Lohnerhöhungen und bessere soziale Bedingungen.

Gefangene mauerten Ziegelturm

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914/15 ummantelten italienische Kriegsgefangene den Schacht mit Ziegeln. Die Gefangenen – sie kamen vermutlich aus dem Kriegsgefangenen- und Internierungslager in Neckenmarkt – mauerten auch den Förderturm mit Ziegeln auf. 1918 errichtete man sogar eine Luftseilbahn, mit der die Kohle des Helenenschachtes in das Hauptwerk nach Brennberg transportiert wurde.

Schicksalsjahr 1921

Da die Kohle als Energiequelle von Bedeutung war, versuchte Ungarn bei den Grenzverhandlungen im Jahre 1921 auch die Gemeinde Ritzing zu behalten. Die Bevölkerung votierte aber damals zu 100 Prozent für den Anschluss an Österreich. Sehr spät, am 3. März 1923, wurde dann Ritzing definitiv Österreich zugesprochen.

Der Helenenschacht gehörte damit territorial zu Österreich, nicht aber arbeitsrechtlich oder bergrechtlich. Im Helenenschacht galt somit das ungarische Bergrecht und auch die österreichischen Bergarbeiter mussten sich an die ungarischen Arbeitsgesetze halten. Sogar die österreichische Regierung wurde eingeschaltet. Sie akzeptierte unter Protest diese Maßnahmen, weil sie dieses Gebiet nicht ganz an Ungarn verlieren wollte. Das Problem hat sich in der Folge aber praktisch gelöst. Die meisten jungen österreichischen Bergleute verließen nämlich den Helenenschacht und suchten sich in heimischen Kohlerevieren Arbeit.

Schließung 1955

1930 wurde der Helenenschacht als Förderschacht stillgelegt und bis 1936 nur mehr als Wetterschacht genutzt. 1946, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, begannen die Ritzinger noch einmal mit dem Abbau von Kohle, aber nicht einmal 10 Jahre später, 1955, musste der Betrieb im Helenenschacht endgültig geschlossen werden. Im benachbarten ungarischen Brennberg geschah das bereits drei Jahre früher. Im Jahre 1986 wurde der Helenenschacht auf Anordnung der Berghauptmannschaft verfüllt.

Heute ist der Förderturm in Privatbesitz, der Helenenschacht im Besitz der Gemeinde Ritzing. Er und der Ritzinger Bade­see erinnern heute noch an den Bergbau, der viele Jahrzehnte für diese Gegend sehr wichtig
war.