Betriebe kämpfen um gute Lehrlinge

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Pfnier-Lehrlinge vor Zentrale: Motivationstreffen mit Chef Frank Pfnier (2. von rechts), Arbeiterbetriebsratsobmann Michael Mohl (ganz rechts). Für ein gutes Zeugnis gibt es eine Prämie.

Viele Unternehmen brauchen Fachkräfte. Doch diese werden rar. Ein Mittel gegen den drohenden Fachkräftemangel ist die Lehrlingsausbildung. Allerdings – auch im Mittelburgenland – bilden immer weniger Betriebe selbst aus. Und die, die Lehrlinge ausbilden, wollen nur die besten jungen Leute. Unterstützung bei der Suche bekommen die Betriebe und die Lehrlinge nun vom Arbeitsmarktservice, der Wirtschaftskammer und der Arbeiterkammer. Im Bezirk Oberpullendorf startet ein neues Projekt, das im nächsten Jahr in den anderen Bezirken eingesetzt werden soll. Ein Lokalaugenschein von Hans Tesch.

Betriebsrundgang bei ALU-SOMMER in Stoob. Die Firma macht Aluminium-Glas-Fassaden und Sonderkonstruktionen – hauptsächlich für Bauten in Österreich und Deutschland. Selbstbewusst präsentiert der Österreich-Geschäftsführer DI Mag. Hans Tritremmel die innerbetriebliche Lehrwerkstätte. „Hier lernen die Lehrlinge an echten Werkstücken“, erklärt er stolz. „Individuallösungen erfordern Fachkräfte. Die gibt es für uns nicht am Arbeitsmarkt. Wir bauen sehr viel in Handarbeit. Das ist noch echte Werkstattfertigung.“

ALU-SOMMER bildet Fachkräfte selbst aus

275 Beschäftigte arbeiten in Stoob – 35 im Werksableger in Sopron. Fast keine Hilfsarbeiter, fast ausschließlich Facharbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung und Qualifizierung sind im Haus. An Lehrlingen beschäftigt ALU-SOMMER seit Jahren durchschnittlich 20 Jugendliche. Jahr für Jahr werden 4 bis 6 neue Lehrlinge aufgenommen. Die meisten kommen aus den Gemeinden des Bezirks. „Der Lehrling ist für uns eine wertvolle Unterstützung. Wir brauchen Facharbeiter. Und der Weg dazu ist, selbst auszubilden“, sagt Geschäftsführer Tritremmel.

Größter Lehrherr

Als regelmäßiger und größter Ausbilder der Region kennt der Geschäftsführer die kritische Situation bei den Schulabgängern: „Wir haben circa 15 Bewerber jedes Jahr. 3 bis 5 Bewerber sind super bis sehr gut. 1 bis 2 bekommen dann zusätzlich noch eine Chance. Bei mehr als der Hälfte ist die schulische Ausbildung leider mangelhaft, Grundkenntnisse fehlen.“ Und Tritremmel spricht aus, was viele Lehrherren immer wieder – über Rechnen, Schreiben und Lesen hinaus – kritisieren: Die Grundwerte wie Leistungsbereitschaft oder Benehmen würden fehlen. „Eine solide Basis ist unverzichtbar. Ohne diese nehmen wir keinen Lehrling auf.“ ALU-SOMMER ist als guter Lehrlingsausbilder bekannt und findet noch genügend Lehrlinge. Auch mit Hilfe und fachlicher Unterstützung des Arbeitsmarktservice.

18 Lehrlinge sind jetzt, Mitte 2017, im Unternehmen. Ausgebildet wird hier seit 45 Jahren, insgesamt gibt es mehr als 200 Absolventen: 160 Metallbautechniker, 10 Technische Zeichner, 30 mit einer Doppellehre. Darunter 11 Frauen mit kaufmännischer Lehre, 3 Technische Zeichnerinnen und 5 als klassische Metallbearbeitungstechnikerinnen. ALU-SOMMER, wo gerade – 51 Jahre nach der Gründung – ein Rekord an Aufträgen verzeichnet wird, gilt als attraktiver Arbeitsplatz. Etwa jeder zweite ausgelernte Lehrling ist im Unternehmen als Facharbeiter geblieben. 10 Gesellen haben auch die Meisterprüfung abgelegt.

Weniger Betriebe bilden aus

Das System der Lehrlingsausbildung in Österreich gilt als mustergültig für viele andere Länder. Wir haben eine duale Ausbildung, d. h. die praktische Ausbildung erfolgt in den Betrieben, die theoretische in der Berufsschule. Das funktioniert. Doch eine Entwicklung macht Sorgen: Die Anzahl der Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden, nimmt seit Jahren ab – österreichweit, im Burgenland und auch im Mittelburgenland. Im Vorjahr waren es hier nur noch 49 Unternehmen, die einen neuen Lehrling aufgenommen haben. Und ähnlich ist es heuer bestellt. Das ist auch einer der Hauptgründe dafür, dass 15-Jährige aus dem Bezirk in der Region keinen Lehrplatz finden.

AMS hilft bei Lehrplatzsuche und bei Lehrlingssuche

Die Situation klingt verzwickt! Mehr als 100 Jugendliche im Bezirk wollen Anfang Juli eine Lehre beginnen, aber nur 22 offene Stellen werden beim AMS angeboten. „Das sind zu wenige; auch wenn man davon ausgehen kann, dass nur etwa jeder zweite Lehrplatz über das AMS vermittelt wird“, argumentiert Jutta Mohl, die Leiterin der Bezirksstelle des AMS. Es haben heuer nämlich auch weniger Betriebe als im Vorjahr einen neuen Lehrling aufgenommen. „Und die Berufswünsche passen immer weniger oft mit den angebotenen Stellen zusammen“, analysiert Mohl. Es gelte also auch, mehr Auswahlmöglichkeiten zu schaffen.

„Wir rennen Lehrstellen nach!“

Ein neues Projekt, eine neue Aktion, soll im Bezirk neue Lehrstellen bringen. Betreiber des Muster-Projektes sind das Arbeitsmarktservice (AMS), die Wirtschaftskammer (WK) und die Arbeiterkammer (AK).  Ziel des Projektes ist es, neue Lehrstellen zu schaffen – bei Unternehmen, die noch nie Lehrlinge ausgebildet haben, und bei Unternehmen, die in den letzten fünf Jahren keine Lehrlinge mehr ausgebildet haben. Das Projekt sieht vor, dass Unternehmerinnen und Unternehmer in die AMS-Stelle in Oberpullendorf eingeladen und informiert werden. Danach wollen Vertreter von AMS, Wirtschaftskammer und AK Betriebsbesuche machen und dabei vor Ort konkret über Unterstützungsleistungen und Förderungen Auskunft geben. AMS-Leiterin Jutta Mohl: „Mein Ziel ist es, 15 neue betriebliche Lehrstellen zu aktivieren. Und ich bin optimistisch.“ Im nächsten Jahr soll diese Vorgangsweise in den anderen Bezirken praktiziert werden.

Pfnier-Bau bekämpft Facharbeitermangel 

In der Firmenzentrale der Baufirma Pfnier herrscht Ende Juni Feierlaune. Alle 18 Lehrlinge wurden von Frank Pfnier junior, dem Vertreter des vor 70 Jahren gegründeten Familienunternehmens, zum jährlich stattfindenden „Motivationstreffen“ eingeladen. Es ist ein lockeres Austauschen von Informationen und Meinungen – und für ein gutes Zeugnis gibt es eine „Prämie“ im Kuvert. Der Unternehmenssprecher ist stolz auf die Erfolge seiner Leute bei den Lehrlingswettbewerben. Heuer kann er einem Lehrling sogar zum „Landessieger der Jungmaurer“ gratulieren.

Die Baufirma stellt jedes Jahr sechs bis sieben neue Lehrlinge ein. „Der Facharbeitermangel in der Branche ist nicht zu leugnen. Wir reagieren darauf, indem wir Lehrlinge aufnehmen und ausbilden“, erklärt der 46-jährige Frank Pfnier, der nach der HTL-Matura die Baumeister-Prüfung abgelegt hat. „Lehrlinge sind eine Sparkasse. Wenn ich nicht in Lehrlinge investiere, habe ich keine Facharbeiter. Von der Ausbildung kommt also etwas zurück!“ Mehr als ein Drittel der Lehrlinge bleibe. Ein gewisser Teil bildet sich fort, geht in die Polierschule und leitet dann Baustellen. Der Bauleiter aus der Chef-Etage erwähnt aber auch einige mit der Lehre verbundenen Belastungen: „Lehrlinge müssen im Winter durchbeschäftigt werden. Und sie müssen beaufsichtigt werden. Auch wenn es keine Arbeit auf Baustellen gibt.“ Auch aus diesen Gründen gehe Pfnier bei der Auswahl der Lehrlinge zielgerichtet vor: „Wir nutzen die Vorauswahl durch das AMS, das Casting. Und ich schaue mir auch die Familien an, aus denen die Bewerber kommen. Ein natürlicher Bezug zum Anpacken, zu Schaufel und Krampen ist vorteilhaft. Und auf Umgangsformen legen wir auch Wert, auf Höflichkeit oder Disziplin zum Beispiel.“ Wirklich aussuchen könne er sich die Lehrlinge aus den Bewerbern allerdings nicht jedes Jahr. „Wir hatten schon 6 Lehrlinge mit 5 Auszeichnungen in der Berufsschule und in einem anderen Jahr 6 Lehrlinge mit 5 Wiederholungsprüfungen.“ Pfnier stützt sich auf Lehrlinge, die meist aus dem Bezirk kommen. Zum Stammpersonal zählen auch Leute aus Ungarn; diese machen 10 Prozent der Belegschaft aus.

Wirtschaftskammer wird eigene Lehrbetriebsberater beschäftigen 

Dr. Harald Schermann, Direktor-Stellvertreter in der Wirtschaftskammer, arbeitet aktiv am Projekt mit, bei dem Unternehmen wieder oder erstmals Lehrplätze anbieten. „Wir wollen den Betrieben helfen, damit sie zu guten Lehrlingen kommen –und dadurch auch den Lehrlingen helfen, den richtigen Lehrbetrieb zu finden. Konkret werden wir 2 bis 3 Lehrbetriebsberater beschäftigen, die in die Betriebe gehen und den Unternehmern bei allem helfen, was mit der Ausbildung zu tun hat: bei der Suche, bei der Ausbildung bis zu den Förderungsmöglichkeiten.“  Derzeit werden diese Berater gesucht.

 Das Burgenland soll wieder zu einem Land der guten Lehrausbildung werden. 

Die Wirtschaftskammer sucht auch nach praktischen Lösungen für die Hinfahrten und Heimfahrten, sodass Lehrlinge eine Lehrstelle auch annehmen können. Harald Schermann: „Das Burgenland soll wieder zu einem Land der guten Lehrlingsausbildung werden. Wir waren es schon einmal.“ Ein Problem stelle das schlechte Image der Lehre dar! Prinzipiell werde die duale Ausbildung, mit der man gute Berufsaussichten hat, aber als zeitgemäß angesehen.

Wer keinen Betrieb findet, kann Lehre im BUZ machen.

Wer in einem Betrieb keine passende Lehrstelle findet oder bei Aufnahmeverfahren nicht genommen wird, muss nicht verzagen. Im BUZ (Burgenländisches Schulungszentrum) in Neutal gibt es öffentlich geförderte, außerbetriebliche Lehrstellen. Vor 42 Jahren wurde das BUZ für Umschulungen von arbeitssuchenden Erwachsenen gegründet, heute bietet es auch Ausbildungsplätze für Jugendliche an. In Neutal können förderungswürdige Jugendliche vom Berufs­orientierungskurs bis zur Lehre einiges machen. Ende Juni waren 47 Lehrlinge in Ausbildung, 14 Jugendliche in einem meist 10 Wochen dauernden „Berufsorientierungscheck“ und 21 Jugendliche in der sogenannten „Produktionsschule“, um schulische und soziale sowie persönliche Kompetenzen nachzuholen und um danach eine Ausbildung starten zu können. Eine direkte Bewerbung beim BUZ ist grundsätzlich nicht möglich, es erfolgt eine Vermittlung durch das AMS.

Einstieg jederzeit möglich

Der Geschäftsführer des BUZ, Mag. (FH) Christian Vlasich, auch Bürgermeister von Lockenhaus, beschreibt seine Institution als Ort, in der eine Ausbildung für jede und jeden ermöglicht wird: „Ein jederzeitiger Einstieg – für jeden Beruf – ist möglich. Kein anderes Bildungsinstitut ist so flexibel wie wir. Wir haben ein modulares System. Bei uns ist ein Start wöchentlich bis monatlich möglich.“ In Neutal könne man also auch die Ausbildung zum Goldschmied starten. „Die Jugendlichen werden gefordert und gefördert. Ziel ist die Vermittlung auf dem freien Arbeitsmarkt zu einer betrieblichen Lehrstelle. Die Übergangszeit wird produktiv genutzt, mit gezielter Ausbildung verbracht. Der Jugendliche verliert keine Zeit, er hat einen durchgängigen Lehrvertrag“, beschreibt Vlasich die Vorteile. Die BUZ-Lehrlinge könnten im Rahmen der Lehre für sie passende Betriebe durch Praktika kennenlernen – und Fertigkeiten und Kenntnisse erwerben.

Die Jugendlichen kommen aus dem ganzen Burgenland und können im angeschlossenen Wohnheim untergebracht werden. Der BUZ-Lehrplatz wird über das AMS zugewiesen bzw. vermittelt. Die Gelder kommen von der öffentlichen Hand, hauptsächlich vom AMS, daneben gibt es direkte Förderungen vom Sozialministerium und – für bestimmte Maßnahmen – vom Land Burgenland. Angeboten werden neben den Lehrausbildungen für Jugendliche Maßnahmen für Erwachsene – für beruflichen Wiedereinstieg sowie für Aus- und Weiterbildung.

Ziel ist Vermittlung zu Betrieben

In Neutal besteht für förderungsbedürftige Jugendliche die Möglichkeit, einen Lehrabschluss in Metalltechnik und Gastronomie zu machen. Die Gründe: Sie konnten auf keinen Lehrplatz vermittelt werden, und sie hatten am Ende der Pflichtschule sonderpädagogischen Förderbedarf, keinen positiven Hauptschulabschluss oder eine Behinderung. Die integrative Lehrausbildung findet entweder als Lehrausbildung mit einer verlängerten Lehrzeit oder in Form einer Teillehre statt.

Geschäftsführer Vlasich sieht die BUZ-Aktivitäten als Hilfe zur Selbsthilfe: „Im Durchschnitt bleiben von den 50 Jugendlichen, die bei uns eine Lehre beginnen, nur neun bis zu ihrem Lehrabschluss, das spricht für eine erfolgreiche Vermittlung in den Jahren davor.“

Das System lässt keinen im Stich

Im Bezirk finden – durch das Umschulungszentrum – alle Lehrlinge einen „Lehrplatz“. Und wenn die „Suchaktion“ nach neuen betrieblichen Lehrstellen im Herbst gut anläuft, wird es mehr Angebote von Unternehmen geben. Das wäre ein guter Start zum „Ausbildungsplatz Burgenland“.

Fazit: Immer weniger Jugendliche drängen auf den Arbeitsmarkt. Dennoch wird der Kampf um die Lehre intensiver: Das AMS kämpft um mehr Lehrplätze bei Betrieben. Betriebe kämpfen um gute Lehrlinge. Lehrlinge kämpfen um den passenden Lehrplatz. Und das Schulungszentrum BUZ stellt außerbetriebliche Lehrplätze zur Verfügung. Ein System, das im Bezirk hilft, den Fachkräftemangel nicht akut werden zu lassen und das den Jugendlichen eine Zukunft mit einem Arbeitsplatz in Aussicht stellt.

Warum Betriebe keine Lehrlinge ausbilden
(aus Online-Umfrage der Wirtschaftskammer Burgenland)

• zu hohe Kosten für die Lehrlingsausbildung
• zu lange Abwesenheitszeiten des Lehrlings
• einschränkende rechtliche Bestimmungen
• Einschränkende Arbeitszeitregelungen und Sicherheitsvorschriften verhindern, dass Lehrlinge für einen Beruf typische Arbeiten erlernen können.
• Lehrverhältnisse können auch bei massiven Problemen nur schwer gelöst werden.
• Ausbildung von Lehrlingen nimmt zu viel Zeit in Anspruch (v. a. in kleinen Betrieben).
• mangelnde soziale Kompetenzen der Jugendlichen
• mangelndes Engagement, geringes Interesse am Beruf
• unzureichende Grundkompetenzen der Jugendlichen in Deutsch und Mathematik
• geringes Interesse mancher Lehrlinge am Beruf
• das schlechte Image der Lehre

Die größten „Lehrherren“ des Bezirkes

18 ALU-SOMMER, Stoob
18 Pfnier, Oberpullendorf
11 Sonnentherme Lutzmannsburg
8 Installateur-Haustechnik Scheu, Neckenmarkt
8 OBI/Bauwelt Koch, Oberpullendorf
7 BECOM, Hochstrass
7 Billa
6 Bio Vollwertbäckerei Gradwohl, Weppersdorf
6 STRABAG, Markt St. Martin
5 ALL IN RED Hotel Thomas Angerer, Lutzmannsburg
5 KROSCHU, Oberpullendorf
5 Spar-Märkte Supper, Horitschon und Deutschkreutz
4 BMW Kohla-Strauss, Stoob-Süd/Oberpullendorf
4 Friseursalon Bauer, Oberpullendorf
4 Horitschoner Werkzeugbau HWB
4 KFZ Joszt, Steinberg-Dörfl
4 M&P Holzbau, Draßmarkt
4 Maler Tritremmel, Kalkgruben
3 Artner Artissimo, Weppersdorf
3 DM-Drogeriemärkte
3 Elektro Lehrner, Horitschon
3 KÖLLY Bau, Deutschkreutz
3 Pfneiszl-Bau, Draßmarkt
3 KFZ Roman Pfneisl, Neutal
3 Tischlerei Ecker, Raiding
3 Wiesenthal, Oberpullendorf

(Anzahl der Lehrlinge  Ende Juni;
Quelle Wirtschaftskammer Burgenland und Eigenrecherche)

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