Das Gefecht von Kirchschlag

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Foto: Burgenländisches Landesarchiv
Dr. Anton Fennes Der Historiker aus Deutschkreutz blickt für Burgenland Mitte zurück
Dr. Anton Fennes
Der Historiker aus Deutschkreutz blickt für Burgenland Mitte zurück

Der historische Hintergrund

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Österreich im Vertrag von St. Germain (10. 09. 1919) bedeutende Teile Deutsch-West-ungarns – vor allem das heutige Burgenland – zugesprochen. Nachdem Ungarn als Staat offiziell keinen bewaffneten Widerstand leisten konnte, schob man patriotische Gruppen, die Freischärler, vor. Abgerüstete ungarische Offiziere rekrutierten Freiwillige aus Innerungarn sowie Vertriebene aus der Slowakei, Siebenbürgen und Kroatien. Sie bildeten Freikorps – offiziell Königlich-westungarische Aufständische –, die in die umstrittene westungarische Grenzregion einrückten.

Blutige Angriffe

Am 28. August 1921 sollte die „Landnahme“ durch die österreichische Gendarmerie und Zollwache beginnen. Die ungarischen Freischärler verhinderten dies gewaltsam. Das Bundesheer einzusetzen war Österreich von den Alliierten nicht erlaubt. Und das nutzten die ungarischen „Banditen“ – wie sie von vielen Burgenländern damals bezeichnet wurden – und drangen auf österreichisches Gebiet vor. Es kam zu Kämpfen zwischen den Freischärlern und den österreichischen Kräften im südlichen Burgenland an der Grenze zur Steiermark, bei Agendorf nahe Ödenburg und im nördlichen Burgenland. Einen folgenschweren Zwischenfall gab es am 5. September 1921 bei Kirchschlag.

Das Gefecht bei Kirchschlag

In diesem Gebiet übernahm damals das II. Bataillon des Infanterie-Regiments 5 unter dem Kommando von Oberst Sommer die Verteidigung. Als am frühen Morgen des 5. September, einem Montag, ungarische Freischärler an der Grenze beim Cholerakreuz angriffen, musste sich ein Teil der Gendarmen und Zollwache zurückziehen. Die ungarische Übermacht war zu groß. In der Folge alarmierte das Grenzraumkommando alle Truppen seines Verteidigungsbereiches. Oberst Sommer setzte sofort alle verfügbaren Kräfte ein, um die Angegriffenen zu unterstützen. Die österreichischen Soldaten gerieten an der Landesgrenze bei der Pilgersdorfer Straße in schweres MG- und Gewehrfeuer. Die Stellung der Österreicher war äußerst ungünstig, da sie sich gegen die aus überhöhter Stellung feuernden Freischärler nur schlecht wehren konnten. Die Kämpfe erreichten den Ortsrand von Kirchschlag. Zahlreiche Bewohner des umkämpften Gebietes flüchteten in Panik. Die Bundesheereinheit konnte den Angriff der Freischärler schließlich abwehren. Da die Ungarn beträchtliche Verluste zu verzeichnen hatten, traten sie den Rückzug an. Kurz vor 13 Uhr endete schließlich das Gefecht bei Kirchschlag.

Sieben Soldaten des österreichischen Bundesheeres wurden bei diesen Kämpfen getötet und 15 verwundet. Zwei weitere Soldaten gerieten in Gefangenschaft und wurden von den Freischärlern erhängt bzw. erschossen. Ein Verwundeter erlag später seinen schweren Verletzungen.

Augenzeugen

Alois Melchart, ein damals 17-jähriger Wirtssohn aus dem benachbarten Pilgersdorf, erinnerte sich 70 Jahre später an diese Ereignisse: „Ein junger Bauer aus Salmannsdorf – noch dazu ein Invalide, der im Weltkrieg ein Bein verloren hatte – wurde von einem Freischärler-Trupp auf den Feldern angehalten und nach dem Standort der österreichischen Soldaten befragt. Als er keine Auskunft geben konnte, schlugen sie den ‚Spion‘ nieder, zerrten ihn nach Pilgersdorf und hängten den Invaliden auf einem Baum gegenüber dem Gasthaus auf.“

Alois Mayrhofer, der heute 104 Jahre alte Seniorchef des Unternehmens Mayrhofer, erlebte das Gefecht in seiner Heimatgemeinde Kirchschlag. Er erzählte im Jahre 2011: „Wir Buben mit acht Jahren haben auf einer Wiese Kühe gehütet. Auf einmal schießen die über uns; wir haben die Kugeln pfeifen gehört und einschlagen gesehen … Der Ortsbevölkerung ist nichts passiert, die sind ja geflüchtet. Wie sie gesehen haben, dass es wieder ruhiger war, sind sie wiedergekommen.“

In den Schlagzeilen

Diese Kämpfe bei Kirchschlag waren damals auch Thema in den Zeitungen. Ein Reporter der „Neuen Freien Presse“ schrieb vom „Schauplatz der Grenzkämpfe“: „Der verwegene Versuch ungarischer Banden, den Übertritt über die Grenze zu erzwingen und Mord und Plünderung auch auf österreichisches Gebiet zu tragen, ist misslungen. Der Einbruch der Insurgenten bei Kirchschlag ist dank der Tapferkeit und Ausdauer der Truppen des Bundesheeres, die hier ihre Feuerproben glänzend bestanden haben, zurückgewiesen.“

Und in der „Arbeiter-Zeitung“ hieß es damals: „Die Haltung unserer Wehrmacht war nach Aussagen von Gendarmen und Wehrmachtsoffizieren sowie der Bevölkerung bewundernswert. Mehr als dreitausend Mann reguläres ungarisches Militär griffen unsere Abteilungen an. Die Feuerdisziplin der Wehrmänner war vorzüglich“.

Mehr als eine Spekulation?

Ein Aspekt für diesen ungarischen Angriff ist nicht von der Hand zu weisen: Gewisse Aussagen lassen vermuten, dass es sich um eine bewusste Provokation gewisser Freischar-Kommandanten handelte, die die Österreicher einerseits zu einem Gegenstoß auf ungarisches Gebiet verleiten wollten, um damit andererseits die ungarische Regierung zu einem Einsatz regulärer ungarischer Streitkräfte zu veranlassen. Dies hätte möglicherweise – durch die zu dieser Zeit drückende militärische Übermacht der ungarischen Armee – ungeahnte Folgen für Österreich und damit für die Angliederung des Burgenlandes haben können. Eine Provokation, auf die das österreichische Bundesheer in weiser Voraussicht nicht reagiert hat.

Dieser Abwehrkampf bei Kirchschlag bedeutete aber in jedem Fall einen enormen Aufschwung für die Anschlussbewegung des Burgenlandes an die junge Republik Österreich. Nach der Ödenburger Volksabstimmung im Dezember 1921 und einigen Grenzkorrekturen bis zum Jahre 1923 wurde dann die endgültige Grenzziehung zu Ungarn von beiden Seiten akzeptiert.