Hannah Linke im Gespräch mit Ehud / Fotos: Hannah Linke (5)
Ende letzten Jahres startete eine 18-tägige Studienreise in ein Land, das komplexer nicht sein könnte. Über 20 Teilnehmer aus elf Nationen weltweit haben sich dazu bereit erklärt, nach Israel zu fliegen. Neben Ländern wie Indien, Laos, Neuseeland oder den USA war auch Österreich vertreten. Für Hannah Linke, Buchhändlerin bei der Scherz-Kogelbauer GmbH (zu der auch der „Bote“ gehört) und Journalismus-Studentin, war die Reise ein lang herbeigesehnter Traum. Ihre Erfahrungen teilt sie nun aus erster Hand mit den Lesern des „Boten“ – übrigens: ihre Erstveröffentlichung.
Insbesondere in den letzten Jahren gab es im Bereich der Medien unterschiedliche, zumeist negative Schlagwörter, die mit Israel in Verbindung gebracht wurden. Da mit diesem Medienfokus zeitgleich ein beunruhigender Zuwachs des Antisemitismus zu beobachten war, wurde das Programm „Voices for Israel“ – Stimmen für Israel – ins Leben gerufen.
Geplant und durchgeführt von der Organisation „Christians for Israel International“, in Kooperation mit dem israelischen Außenministerium, ist es deren Anliegen, junge Menschen weltweit nach Israel zu bringen, damit sich diese ein eigenes Bild von der Situation vor Ort machen können.
Eine Herz-zu-Herz-Begegnung
Der 7. Oktober 2023 hat Wunden hinterlassen, die weit über den physischen Zustand eines Menschen hinausgehen. An diesem frühen Samstagmorgen drang die palästinensische Terrororganisation Hamas in Israel ein und ermordete insgesamt über 1.200 Menschen. Die Terroristen filmten live mit und dokumentierten stolz ihre Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Morde. 251 Geiseln nahmen sie mit zurück in den Gazastreifen.
Man hätte meinen können, die Schwermütigkeit und Hoffnungslosigkeit, die als Reaktion auf diesen beispiellosen Angriff auf den Israelis lastet, wäre den Israelis anzusehen. Doch schon am ersten Abend beobachteten wir vor der Klagemauer in Jerusalem, wie in Gruppen tanzend Schabbat gefeiert wurde.


Die zerstörte Küche eines Überlebenden des Hamas-Angriffs
Dieses Bild zog sich durch die gesamte Reise: Egal, ob wir im Hotel, in Restaurants oder auf der Straße angesprochen wurden und sie uns nach dem Grund der Reise gefragt haben: Jeder von ihnen bedankte sich von Herzen dafür, dass wir in ihr Land kamen und unsere Unterstützung zeigten. Dass wir mit unseren eigenen Augen bezeugen konnten, wie komplex und vielschichtig ihr Leben dort ist und dass sich nichts in Schwarz oder Weiß kategorisieren lässt.
Das Land ist traumatisiert und dennoch versuchen die Menschen, standhaft zu bleiben und das Leben zu feiern, wo und wie es nur möglich ist. Ein besonderer Moment, der das widerspiegelte, war das Schabbat-Essen bei Rabbi Joshua und seiner Frau Jenny Weisberg. Die Familie leitet jeden Freitagabend diesen Ruhetag ein und nimmt immer wieder auch Gruppen bei sich auf, um dies gemeinsam zu zelebrieren.
In einer Runde von über 25 Leuten in ihrem Wohnzimmer zu sitzen und zu beobachten, wie die Gebete gesprochen und die Kinder gesegnet werden, war ein unglaublich intimer und berührender Moment – fernab von Arbeit, Alltagsstress und den sozialen Medien.
Nie wieder ist jetzt
Seit Jahrhunderten wird das jüdische Volk angegriffen, verdrängt und ausgeschlossen. Selbst nach dem Holocaust hat der Hass nicht aufgehört. Mehr als 70 Jahre später braucht es eine Erinnerung an die allzu bekannten Worte „Nie wieder ist jetzt!“.
2024 erfasste die Antisemitismus-Meldestelle österreichweit insgesamt 1.520 Vorfälle, rund ein Drittel mehr als im Vorjahr. Beim Besuch des Holocaust-Museums Yad Vashem in Jerusalem ähnelten sich die Szenarien der 1930er-Jahre in erschreckender Weise den heutigen Nachrichtenbeiträgen: von beschmierten Synagogen über Aushängeschilder in Geschäften und Lokalen mit Sätzen wie „Israelische Bürger nicht willkommen“ bis hin zu Terroranschlägen wie auf die Synagoge in Manchester in England oder am Bondi Beach in Australien. Nicht zuletzt traf jeden von uns die Geschichte der Holocaust-Überlebenden Erika H., die uns als Gruppe an einem Abend erzählt wurde, bis ins Mark. Als kleines Mädchen in den Zweiten Weltkrieg hineingeboren, musste sie einen großen Teil ihrer Kindheit getrennt von ihrer Familie verbringen. Ihre Eltern haben über die Dinge, die sie erlebt haben, nie mit ihr gesprochen. Doch trotz dieser Vergangenheit begegnete uns die 83-jährige Frau mit einer Lebensfreude, die uns faszinierte. Bevor sie mit der Erzählung ihrer Lebensgeschichte am Ende war, blickte sie jedem von uns in die Augen und sagte einen Satz, den ich hoffentlich nie vergessen werde: „The courage to care.“ – Habe den Mut, hinzusehen und dich zu kümmern, um das, was vor deiner Haustür passiert.
Zwischen Zusammenbruch und Neuanfang
In der Woche vor unserer Abreise verbrachten wir drei Nächte in meiner persönlichen Lieblingsstadt – Tel Aviv. Nach den Begegnungen in den zerstörten Kibbuzim des 7. Oktobers, war das eine willkommene Abwechslung. Wir besuchten die Reichman-Universität und erfuhren dort mehr über die Evolution des Terrorismus und der Terrorismusbekämpfung, machten eine Tour durch die Altstadt Jaffa und bummelten durch den „Shuk Hapishpeshim“, den wohl bekanntesten Flohmarkt in der Stadt.
Zwischen modernen Wolkenkratzern, Sonne, Strand und Meer konnten wir die israelische Kultur ein letztes Mal in vollen Zügen genießen. Danach hieß es: zurück nach Jerusalem und Abschied nehmen. Rückblickend lässt sich nur eines sagen: Durch mein bereits bestehendes Interesse und aufgrund mehrerer Besuche in der Vergangenheit hatte ich geglaubt, Israel zu kennen. Doch innerhalb dieser 18 Tage bekam ich Einblicke, die mir aufzeigten, wie falsch ich doch damit gelegen hatte. In diesem kleinen Streifen Land verbergen sich eine jahrtausendealte Geschichte und Kultur, die sich in keinem Artikel und wohl auch kaum einer Doktorarbeit zusammenfassen ließen. Es ist ein Land, das einen mit seiner Vielschichtigkeit und Komplexität ins Staunen versetzt – das ist Israel.








