In Seebenstein erinnert bis heute das Braganza-Gasserl an die Geschichte des ehemaligen portugiesischen Königshauses. Die Gasse führte auf kürzestem Weg vom Parkschloss zur Kirche. / Fotos: @ HiSunnySky – stock.adobe.com, @ barbaliss – stock.adobe.com, Lumastan, CC BY-SA 3.0; Schwendenwein; Josef Albert, Public domain, via Wikimedia Commons; Joao Miranda via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0; Pfarre Seebenstein

Seebenstein statt Lissabon hieß es viele Jahre für Dom Miguel II. de Bragança. Sein Leben war durchaus bewegt, vor allem sein Liebesleben sollte der Nachwelt Rätsel aufgeben. Dass ausgerechnet er zum näheren Umfeld des Kronprinzen Rudolf zählte, setzte dem nur die Krone auf.

Die ganze Welt sprach davon, selbst in New York waren die Gazetten voll: Er sollte also die Witwe des österreichischen Thronfolgers zur Frau nehmen. Der Tod seiner wunderschönen Frau Elisabeth war inzwischen zehn Jahre her und seine drei Kinder hatten keine Mutter. Ja, diese erste Ehe war sicher ein politischer Schachzug gewesen. Er, der im Exil lebende Erbe des absolutistischen portugiesischen Königshauses. Sie, die Nichte der österreichischen Kaiserin Elisabeth. Eine bessere Verbindung hätte es wohl kaum geben können. 

Mary Vetseras „Nein“

Sie hätten ein erfülltes Leben in der Villa Wartholz in Reichenau führen können, wäre Elisabeth nicht nach jeder Geburt schwächer und schwächer geworden – und schließlich nach nur vier Jahren Ehe im Alter von gerade einmal 20 Jahren gestorben.

 Aber das war jetzt Vergangenheit. Genauso wie seine Freundschaft zum Kronprinzen Rudolf, der mit seiner Geliebten den Freitod gewählt hatte. Wer hätte das Drama von Mayerling erahnen können? Dass sein Jagdfreund ausgerechnet mit jener Mary Vetsera eine Liaison eingeht, auf die auch er schon aufmerksam geworden war. Ob Mary eine gute Partie gewesen wäre? Wer kann das im Rückblick schon sagen. Fest steht: Als Miguel die junge Frau zwischen Seebenstein und Schwarzau, der damaligen Sommerresidenz der Vetseras, kennenlernte, war sie gerade einmal ein paar Jahre älter als seine eigenen Kinder. Mary soll sich über die Verlobungsavancen herrlich amüsiert haben. Ihre Mutter hätte die Verbindung vermutlich gerne gesehen. Doch Mary hatte andere Pläne …

Dom Miguel de Bragança verbrachte seine letzten Lebensjahre in Seebenstein.

Rückzug: Seebenstein statt Lissabon

Nach bewegten Jahren sollte Miguel nun wohl längst bereit sein für eine neue Ehe. Aber auch Rudolfs Witwe, die Tochter des belgischen Königs, wird die Rolle an seiner Seite nicht antreten. Die Geschichte will es anders. Dom Miguel II. de Bragança heiratet am 8. November 1893 seine Cousine Maria Theresia zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und bekommt mit ihr acht weitere Kinder. Mit ihr lebt der Braganza-Prinz  auch im „neuen Schloss“ in Seebenstein. Ursprünglich war dieses Parkschloss im Besitz der Familie von Liechtenstein, den Miguels Schwester mit ihrem Mann, dem Herzog von Bardi, immer wieder anmietete. Als das Herzogpaar entscheidet, eine Villa im benachbarten Schwarzau zu beziehen, wird das „neue Schloss“ frei. Miguel nutzt diese Chance.

Brasilianisches Erbe

„Um das bewegte Leben des Dom Miguel zu verstehen, muss man eigentlich zwei Generationen zurückgehen“, erklärt dazu der Autor Günter Fuhrmann. Er hat sich intensiv mit dem Exil des europäischen Hochadels im 19. Jahrhundert in den Wiener Alpen befasst. Miguel II. ist der Sohn von Miguel I., der seine Nichte, die brasilianische Kaisertochter, heiraten und mit ihr Portugals Thron hätte besteigen sollen. Miguel I. entschied sich anders. Die Folge war der Miguelistenkrieg. Der König verlor ihn und musste ins Exil. Dort heiratete er und bekam sieben Kinder – diese waren allesamt auf dem Heiratsmarkt von höchstem Interesse.  Die Töchter heirateten zu einem Teil Herzöge und Prinzen, die in den Wiener Alpen beheimatet waren, weshalb auch der Sohn, Miguel II.,   immer wieder zu Besuch war – bis er um 1900 ganz blieb.

Im Sinne Portugals

Politisch war er im Zwiespalt. „Er diente als K.-u.-k-Offizier“, erklärt Fuhrmann. Das Ende seines aktiven Dienstes im Jahr 1916 fällt just mit dem Eintritt Portugals in den Ersten Weltkrieg zusammen. Da er nie für Portugal gedient hat, verzichtet er zugunsten seines 1909 in Seebenstein geborenen Sohnes, Dom Duarte, auf seine Ansprüche.  Miguel II. stirbt 1927 in Seebenstein, die Geschichte der Braganças bleibt aber. Und so läuten  1934 noch einmal royale Hochzeitsglocken in Seebenstein: für Miguels Tochter, Maria Antónia. 

Royale Randnotiz 

Die in Portugal regierende Linie Coburg-Bragança war 1910 gestürzt worden. Der letzte regierende König Manuel II. lebte nun im Exil und war kinderlos geblieben. Er versöhnte sich mit dem in Seebenstein lebenden Familienzweig und ernannte den gebürtigen Seebensteiner Dom Duarte  Nuno (1909–1976) zum Erben.