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Damals, als die Zeit noch langsamer verging – Sie wissen schon, früher, als alles besser war –, da war es ja so, dass man einen Beruf erlernte und den dann bis zur Pension ausübte. Heute leben wir in einer Multi-Options-Gesellschaft, in der man nicht nur von einer Sekunde auf die andere reich und berühmt werden, sondern sich auch permanent umentscheiden kann. Das birgt viele Vor- und Nachteile. Ein Nachteil, der mich persönlich fasziniert, ist der schnellen Kommunikation geschuldet: spontane Unzuverlässigkeit. So quasi: „Du, ich muss grad auf meine Work-Life-Balance schauen und kann deshalb unseren Termin in fünf Minuten, für den du zwar eine Stunde gefahren bist (sorry dafür), nicht wahrnehmen.“ Ein klarer Vorteil wiederum ist, dass man sich in allen möglichen Bereichen ausprobieren kann, bis man das gefunden hat, was man wirklich nicht will. An dieser Stelle möchte ich aus einer Rede von Kurt Vonnegut zitieren: „Übe jede Art von Kunst, Singen, Tanzen, Schauspiel, Malen, Bildhauerei, Dichtkunst, egal wie gut oder schlecht, nicht aus, um Geld zu verdienen oder berühmt zu werden, sondern um zu erfahren, was in dir steckt, um die Seele wachsen zu lassen.“ Und hier geht’s weiter mit mir: … ohne die Person zu sein, die man seit Jahren glaubt sein zu müssen. Sich selbst immer wieder hinterfragen zu dürfen, ist Freiheit. Sich zu ändern, heißt nicht, sich selbst fremd zu werden, sondern im besten Fall, sich selbst besser kennenzulernen. Anders formuliert: „Früher blieb man, was man war. Heute darf man werden, was man noch nicht war.“ Mögen diese Zeilen ein Anstoß für ein spannendes Jahr mit vielen noch unbenutzten Neujahrsvorsätzen sein. 

Herzlichst, Roman Josef Schwendt
brief@romanjosefschwendt.com