Fotos: Scherz-Kogelbauer (2), Rehberger
Die medizinische Versorgung in der Stadtgemeinde Kirchschlag war in den vergangenen Monaten angespannt. Nachdem Dr. Barbara Raubal ihre Praxis unvorhergesehen schließen musste und keine Vertretung fand, lastete die gesamte Verantwortung auf Dr. Renate Grandits-Jakel, die letztes Jahr ebenfalls für einige Zeit ausfiel. Nun wird auch noch eine der beiden Kassenstellen im Zuge der „Regionalen Strukturpläne Gesundheit“ (RSG) evaluiert. Doch nun die erfreuliche Trendwende: Dr. Raubal ist mit 2. April als Kassenärztin zurück und Dr. Grandits-Jakel startet mit 9. April mit ihrer Wahlarztpraxis durch. Wir sprachen mit beiden Ärztinnen:

Dr. Barbara Raubal kehrt als Kassenärztin zurück
Bote: Seit dem 2. April ist Ihre Praxis in Kirchschlag wieder geöffnet. Eine Entscheidung, die Sie sich nicht leichtgemacht haben. Warum sind Sie nun doch wieder zurückgekommen?
Dr. Raubal: Ich habe sehr viel in die Praxisräumlichkeiten investiert, hatte anfangs Berater, die mir eingeredet haben, ich werde einen riesigen Patientenstamm durch das große Einzugsgebiet haben. In den Räumlichkeiten steckt aber nicht nur mein gesamtes Erbe meiner Eltern, sondern ich habe auch ganz viel Herzblut investiert, weil es meine erste eigene Praxis ist.
Bote: Man hört oft das Argument, dass eine Ordination ohne Hausapotheke wenig attraktiv ist. Wie sehen Sie das?
Dr. Raubal: Das stimmt schon: Wenn man als Arzt eine Hausapotheke hat, dann bedeutet das von Anfang an rund
30 bis 50 Prozent mehr Umsatz. Wenn man als Unternehmer denkt, dann ist es klar, dass man eine Kassenstelle sucht, wo es im Umkreis keine Apotheke gibt. Ich bin aber in erster Linie Diagnostikerin und aus meinem tiefsten Inneren her Ärztin. Ich habe mich für die Ordination in Kirchschlag entschieden, um Patienten zu helfen. Das ist für mich das Wichtigste.
Bote: Und trotzdem war nach knapp drei Jahren in Kirchschlag plötzlich Schluss. Warum?
Dr. Raubal: Ich bin zur Hälfte Französin, meine ganze Familie, die ich noch habe, lebt in Frankreich. Als klar war, dass sich ein familiärer Notfall anbahnt, für den ich unbedingt für einige Zeit nach Frankreich reisen und die Praxis daher für unbestimmte Zeit geschlossen werden muss, habe ich versucht, Ärzte zu finden, die mich vertreten können – ohne Erfolg. Aufgrund der großen familiären Sorgen, die ich hatte, habe ich mich schließlich dazu entschlossen, die Praxis zu schließen und nach Frankreich aufzubrechen.
Bote: Nun sind Sie wieder da und betreiben Ihre Praxis weiter. Wie kam es zu dieser Wende?
Dr. Raubal: Als ich in Frankreich war, habe ich viel darüber nachgedacht, wie es weitergehen kann. Es war für mich wirklich eine Lebensentscheidung: Bleibe ich mit meiner Tochter und meinem Lebensgefährten in Frankreich oder kehre ich nach Österreich zurück? Gemeinsam haben wir uns dafür entschieden, zurückzukommen.
Bote: Wie verlief dann die Rückkehr nach Kirchschlag?
Dr. Raubal: Ich war in meiner Ordination, um einige administrative Dinge zu erledigen, und sofort kamen einige ehemalige Patienten, die wissen wollten, ob ich wieder zurückkomme. Da in der Stadtgemeinde in der Zwischenzeit kein neuer Arzt gefunden werden konnte, habe ich mich entschieden, dass ich meine Ordination wieder eröffnen möchte. Es war eine schwierige Entscheidung, weil ich davor auch mein gesamtes Team entlassen musste, weil ich nicht wusste, wie und ob es weitergeht. Nun starten wir mit einem kleineren Team.
Bote: Welche Reaktionen haben Sie von Ihren ehemaligen Patienten bekommen?
Dr. Raubal: Ich hatte schon lange, bevor ich wieder eröffnet habe, Anfragen bekommen. Die Rückmeldungen waren eigentlich durchwegs positiv.
Bote: Die Gerüchteküche hat gebrodelt, viele Fragen standen im Raum, weil Sie nach relativ kurzer Zeit wieder weg waren. Wie gehen Sie damit um?
Dr. Raubal: Es ist mir klar, dass meine Beweggründe nicht für jeden verständlich waren, aber für mich geht die Familie vor. Jetzt freue ich mich darauf, dass ich meine Ordination wieder geöffnet habe und dass ich wieder das machen kann, was ich möchte und was im Sinne der besten Patientenversorgung ist. Wenn man so viel Herzblut investiert hat, so viele finanzielle Kosten auf sich genommen hat, um seine eigene Ordination zu gründen, dann verlässt man das nicht einfach so. Es ist mir sehr schwergefallen, weil das auch mein Ein und Alles war, umso glücklicher bin ich jetzt, dass es nun weitergehen kann.
Bote: Sie planen also, langfristig als Ärztin in Kirchschlag zu bleiben?
Dr. Raubal: Ja, genau so ist es. Als ich jung war, habe ich mehrere Monate in Nepal bzw. in Asien als Ärztin gearbeitet. Ich glaube, von daher kommt mein dringendes Bedürfnis, Menschen zu helfen – auch wenn es vielleicht um knifflige Fälle geht, in die man sein gesamtes diagnostisches Wissen einbringen kann, eben weil der nächste Facharzt oder das nächste Krankenhaus nicht gleich um die Ecke ist. Darauf freue ich mich schon und auch auf den Neustart in Kirchschlag, weil dadurch ergeben sich vielleicht wieder neue, spannende Dinge.

Dr. Renate Grandits-Jakel startet mit Zukunftskonzept
Bote: Nach 17 Jahren als Ärztin in Kirchschlag schlagen Sie jetzt ein neues Kapitel auf. Lassen Sie uns zuvor noch einen Blick zurückwerfen: Wie waren die Anfänge in der Stadtgemeinde?
Dr. Grandits-Jakel: Ich bin gebürtige Kirchschlagerin, die meisten meiner Patienten kennen mich also, seit ich selbst noch ein Baby war. Als ich im Krankenhaus in Wiener Neustadt als Internistin tätig war und mir klar wurde, dass ich aufhören will, hat mir ein Bekannter erzählt, dass in Kirchschlag ein Kassenarzt gesucht wird. Davor habe ich noch nie im Leben darüber nachgedacht, als praktische Ärztin zu arbeiten, habe mich dann aber doch beworben. Mein Vorgänger Dr. Mayerhofer ist mit mir durch die ganze Region getuckert und hat mit mir gemeinsam Hausbesuche gemacht, während seine Frau und eine zweite Mitarbeiterin mich in der Ordination und mir mit ihrem Fachwissen am Anfang sehr geholfen haben.
Bote: Damals gab es sieben Bewerber für die Kassenstelle, heute hat man offenbar Probleme, auch nur einen Ersatz zu finden. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Dr. Grandits-Jakel: Am Zeitmanagement. Als praktischer Arzt am Land bleibt nicht viel Zeit für ein Privatleben. Wenn man das wirklich von Herzen macht, dann ist man zu 100 Prozent Arzt und es gibt keine Grenze mehr, keine Freizeit.
Bote: Und deshalb wagen Sie nun den Neustart?
Dr. Grandits-Jakel: Genau. Ich möchte kein volles Wartezimmer haben, keine tägliche Warteliste abarbeiten und immer nur Akutprobleme lösen. Ich will den ganzen Patienten, den ganzen Menschen sehen und schauen, was wir Gutes für die Gesundheit machen können.
Bote: Es geht bei Ihnen daher nun mehr um Vorsorge?
Dr. Grandits-Jakel: Auch, aber nicht nur. Es geht darum, den ganzen Menschen zu sehen und nicht nur akute Symptome zu behandeln. Das gehört natürlich auch dazu, denn ich habe mir als Diagnostikerin und Akutmedizinerin aufgrund meiner Erfahrung eine umfassende Expertise angeeignet – aber es geht eben nicht nur darum. Jeder kann zu mir kommen und ich nehme mir die Zeit, den Patienten als Ganzes zu behandeln. Ich bin davon überzeugt, dass Medizin mehr ist als nur Symp-
tombehandlung, daher möchte ich meinen Schwerpunkt im Bereich Vorsorge setzen.
Bote: Das ist in einer Kassenordination nicht möglich?
Dr. Grandits-Jakel: Ich habe das auch in der Vergangenheit immer wieder versucht, aber in der Praxis sieht es meist anders aus. Früher hatten wir im Schnitt am Tag 200 Patientenkontakte in der Ordination, zuletzt waren es 350. Wenn dann in der Früh 50 Personen zur Blutabnahme kommen, geht das zwar schnell, aber diese Befunde müssen dann natürlich auch weiterbearbeitet werden. Da bleibt nur wenig Spielraum für Themen, die mehr Zeit brauchen.
Bote: Mit 9. April starten Sie also neu durch, ohne Kassenvertrag, aber in den gewohnten Räumlichkeiten. Was wird sich nun ändern?
Dr. Grandits-Jakel: Die sichtbarste Veränderung für meine Patienten wird die Modernisierung der Praxisräumlichkeiten sein. Vom Angebot wird sich nicht viel ändern, wir bieten alle Leistungen auch weiterhin an. Das ganz, ganz große Plus, sowohl für die Patienten als auch für mich, wird die neue Terminorganisation sein, ohne lange Wartezeiten, ohne volles Wartezimmer.
Bote: Wahlarzt-Ordination bedeutet aber auch, dass Sie ohne „Sicherheitsnetz“ durch eine Krankenkasse tätig sind. Welche Ziele haben Sie sich dafür gesetzt?
Dr. Grandits-Jakel: Ich starte ein ganz spannendes Zukunftskonzept: Ich bin davon überzeugt, dass eine Wahlarzt-Praxis für Allgemeinmedizin großen Anklang findet, eben weil die Patienten Wert auf ausreichend Zeit legen, aber auch darauf, aktiv etwas für die Gesundheit zu tun. Und es ist ja auch so, dass ich nach wie vor mit sämtlichen Kassen zusammenarbeite. Der Unterschied liegt nur darin, dass wir die Leistungen jetzt zuerst mit dem Patienten abrechnen und dann bei der Kasse einreichen, die dann den Großteil zurückerstattet. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass die Zeit für dieses neue Modell reif ist: mit weniger Stress, mehr Zeit, mehr Struktur und einer Medizin, die den ganzen Menschen betrachtet – für mich und mein Team und für meine Patienten.Und wer weiß, vielleicht ist das ja auch erst der Anfang eines Umbruchs in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum.






