Foto: Seidl

Ein Märchen: Es war einmal ein kleines Mädchen, das wegen eines starken Schnupfens zum Arzt gebracht wurde. Nach der Untersuchung trug der Doktor ihm auf, aus den Erlebnissen der letzten Woche, egal, ob gut oder schlecht, ein Bild zu malen. Zu Hause angekommen, schnappte es sich seinen Zeichenblock, die frisch gespitzten Buntstifte und malte drauflos. Am nächsten Tag war die Verkühlung verschwunden. Einem Jungen mit Halsweh wurde aufgetragen, ein Gedicht zu schreiben; wie durch ein Wunder war er am nächsten Tag genesen. Was nach einer fabelhaften Utopie klingt, ist gar nicht so verrückt, wie man meinen möchte. In Großbritannien werden seit über zehn Jahren sogenannte „Museumsrezepte“ ausgestellt – Verschreibungen für kulturelle oder soziale Aktivitäten – statt (oder ergänzend zu) klassischer Medikamente. Die Ergebnisse sind erstaunlich: 37 Prozent weniger Hausarztbesuche, 27 Prozent weniger Krankenhauseinweisungen. Zahlen, die mich staunen lassen. 

Seit Kurzem wird das Konzept auch in Vorarlberg getestet. Es scheint also, als würde sich langsam die Erkenntnis durchsetzen, dass nicht jedes Leiden mit Chemie bekämpft werden muss – manches lässt sich auch mit Farbe, Worten oder einem Museumsbesuch überlisten. Natürlich wäre es übertrieben zu behaupten, man könne sämtliche Beschwerden einfach wegmalen oder wegreimen. Ein gebrochener Arm bleibt ein gebrochener Arm, selbst wenn das dazugehörige Gedicht formal einwandfrei ist. Aber man könnte meinen: Nicht alles, was hilft, passt in eine Tablettenpackung. Vielleicht sind erfüllende Gedanken die wahre Ku(ltu)r?!

Herzlichst, Roman Josef Schwendt
brief@romanjosefschwendt.com