Ein For­schungs­team rund um Dr. Gert Dres­sel, Dr. Johann Hagen­ho­fer und Dr. Wer­ner Sulz­gru­ber hat das Leben der jüdi­schen Fami­li­en in der Regi­on erforscht. Die Ergeb­nis­se wer­den 2019 im Muse­um für Zeit­ge­schich­te in Bad Erlach präsent­iert. Der Bote aus der Buck­li­gen Welt bie­tet im Rah­men einer Serie schon jetzt einen Ein­blick in die span­nen­den Ergebnisse.

Fres­ko mit dem typi­schen Juden­hut in der Höh­len­kir­che im Burg­berg Pit­ten / Foto: Roman Lechner

Über den „Juden­steig“ in die Buck­li­ge Welt

von | Apr 26, 2018 | Archiv, Regi­on

Mit die­ser Aus­ga­be star­tet unse­re neue Serie rund um die jüdi­sche Geschich­te in der Buck­li­gen Welt und im Wech­sel­land. Um sich zunächst einen Über­blick über die Situa­ti­on in der gesam­ten Regi­on zu ver­schaf­fen, hat sich Roman Lech­ner auf Spu­ren­su­che bis ins Mit­tel­al­ter bege­ben. Und er wur­de fün­dig: anhand alter Weg­be­zeich­nun­gen und ver­schie­de­ner lite­ra­ri­scher Quellen.

Wenn einer weiß, wie man his­to­ri­sche Bege­ben­hei­ten im Land der 1.000 Hügel auf­spürt und doku­men­tiert, dann ist das Roman Lech­ner. Er war nicht nur von Anfang an Teil des „Lebensspuren“-Buchteams von Johann Hagen­ho­fer, son­dern hat mit „Hei­mat Buck­li­ge Welt – Wech­sel“ auch selbst drei Wer­ke über die his­to­ri­sche Ent­wick­lung der Regi­on ver­öf­fent­licht. Für das neue Pro­jekt bestand laut Lech­ner die Her­aus­for­de­rung zu Beginn vor allem dar­in, das Gesuch­te zu fin­den. „Die Archiv­ar­beit und das Biblio­theks­stö­bern zur all­ge­mei­nen Geschich­te der jüdi­schen Bevöl­ke­rung war eher eine Fra­ge der Aus­dau­er. Ich habe durch mei­ne Bücher über die Regi­on ja schon so man­chen Pfeil im Köcher gehabt, der ledig­lich in dem Berg von Unter­la­gen wie­der­zu­fin­den war – was mit­un­ter auch ein Kunst­stück ist“, so Lechner.

Han­dels­we­ge

Anhand zahl­rei­cher Quel­len lässt sich fest­stel­len, dass zumin­dest ver­ein­zelt mit Juden Han­del betrie­ben wur­de und die­se immer wie­der in der Regi­on anzu­tref­fen waren. So lässt sich bei­spiels­wei­se durch Bezeich­nun­gen wie „Juden­furth“ als ehe­ma­li­ger Flur­na­men auf­zei­gen, dass bereits im Mit­tel­al­ter jüdi­sche Händ­ler bis nach Kat­zels­dorf gekom­men sind. Auch vor den Toren der Buck­li­gen Welt waren jüdi­sche Fami­li­en ange­sie­delt, und zwar in der kai­ser­li­chen Neu­stadt, die seit dem hohen Mit­tel­al­ter bis in die Neu­zeit ein erst­ran­gi­ges Han­dels­ziel war und seit 1230 bis zur Aus­wei­sung 1496 auch als Wohn- und Lebens­be­reich einer beacht­li­chen jüdi­schen Gemein­de dien­te. Dies wur­de nun auch durch Fun­de im Zuge der Arbei­ten an den Kase­mat­ten neu­er­lich nach­ge­wie­sen. „Beson­ders inter­es­sant waren sicher die Nord-Süd gerich­te­ten Han­dels­we­ge über die alte Wech­sel­rou­te und spä­ter über den Sem­me­ring nach Juden­burg und wei­ter nach Ita­li­en. Sol­che Ver­bin­dun­gen ent­spra­chen durch­aus den Inter­es­sen der groß­räu­mig täti­gen jüdi­schen Geschäfts­leu­te“, so Lechner.

Dar­über hin­aus ist es wahr­schein­lich, dass das älte­re Neun­kir­chen mit sei­nem Markt bereits frü­her Juden ange­zo­gen hat und schon die­se ihren Weg von Ost nach West über die Lei­tha bei Kat­zels­dorf genom­men haben. In Neun­kir­chen sind zumin­dest ab 1343 jüdi­sche Fami­li­en nament­lich bekannt. Im Spät­mit­tel­al­ter etwa um 1400 geht auch die Exis­tenz einer klei­nen Syn­ago­ge aus diver­sen Urkun­den hervor.

Juden­hut in der Höhlenkirche

Eine sel­te­ne Abbil­dung eines Juden – in die­sem Fall des hl. Josef an der Krip­pe – mit der typi­schen jüdi­schen Kopf­be­de­ckung „Juden­hut mit Knauf“ fin­det sich in den nach 1300 ent­stan­de­nen Wand­ma­le­rei­en der Höh­len­kir­che (Fel­sen­ka­pel­le) in Pit­ten. Da die Dar­stel­lung die Geburt Jesu zeigt, besteht bei den betei­lig­ten Per­so­nen wie Hir­ten und Joseph, der hier dar­ge­stellt ist, kein Zwei­fel über deren Zuge­hö­rig­keit zum jüdi­schen Volk der Bibel. Die­se Kopf­be­de­ckung war also kein „Juden­stern“, son­dern ein Bestand­teil der Alltagskleidung.

Erfah­re­ne Händler

Aus diver­sen Quel­len geht her­vor, dass jüdi­sche Händ­ler wohl auch in den länd­li­chen Gebie­ten unter­wegs waren. Durch den Besuch der Jahr­märk­te und Kirch­weih­ta­ge nah­men sie am wirt­schaft­li­chen Gesche­hen teil, muss­ten sich dabei aber an zahl­rei­che lan­des­fürst­li­che Gebo­te und Ver­bo­te hal­ten. „Erst die stu­fen­wei­se Gleich­be­rech­ti­gung und Nie­der­las­sungs­frei­heit für die Juden nach 1848 hat die­se alten Rechts­vor­schrif­ten hin­fäl­lig gemacht. Damit wur­de die bis dahin zwi­schen Chris­ten und Juden im All­tag gepflo­ge­ne Geschäfts­tä­tig­keit nach­hal­tig für bei­de Sei­ten ent­krampft. Auch wenn so man­che Vor­ur­tei­le blie­ben“, fand Lech­ner heraus.

Kai­ser­li­che Landverweise

Mit der Aus­wei­sung aus den stei­ri­schen Län­dern (zu denen damals auch die Bezir­ke Neun­kir­chen und Wie­ner Neu­stadt zähl­ten), ver­dich­te­ten sich im west­un­ga­ri­schen Bereich ziem­lich sicher die jüdi­schen Bevöl­ke­rungs­an­tei­le. Kai­ser Maxi­mi­li­an I. ver­band mit der Aus­wei­sung die Erlaub­nis zur Ansie­de­lung am Ost­rand des Rei­ches. Hier fan­den die Juden vor­über­ge­hend eine Blei­be, die durch die Gra­fen Ester­há­zy nicht zuletzt auch aus finan­zi­el­len Grün­den geför­dert wur­de. Als wan­dern­de Kauf­leu­te durch die Lan­de zu zie­hen war nahe­lie­gend und wirt­schaft­lich drin­gend erfor­der­lich, denn es muss­ten nicht nur Schutz­geld­zah­lun­gen geleis­tet, son­dern auch der Lebens­un­ter­halt der Fami­lie gesi­chert werden.

Lech­ner fand eine Ver­ord­nung des Kai­sers Leo­pold I., aus der klar her­vor­geht, dass die jüdi­schen Kauf­leu­te extra zur Kas­se gebe­ten wur­den: „… von einen bela­de­nen Wagen, er füh­re was er wol­le, sechs Pfen­ning, von einem Och­sen wie auch von einer Khue ein Kreüt­zer, von dem klei­nen Viech zwenn Pfen­ning, ein Per­sohn, so mautth­ba­re Sachen zu Roß füh­ret, oder tra­gen thu­et, ein Kreüt­zer, ein Jud, wel­cher lähr auf- und abrai­set, zween Pfen­ning, zu Kirch­tags Zeit­ten aber, als vier­zehn Täg vor und 14 Täg nach St. Bar­tho­lo­ma­ei ist man durch­ge­hent die Maut dop­pelt zu bezah­len schuldig …“

Maut­flücht­lin­ge und „Juden­hö­fe“

Daher sei es nicht ver­wun­der­lich, wenn beson­ders die Juden ver­such­ten, die­se Kos­ten zu ver­mei­den, und Wege gin­gen, die nicht maut­be­las­tet waren. „Beson­ders die soge­nann­ten Bin­kel­ju­den hat­ten wohl kaum Trag­tie­re und noch weni­ger Pferd und Wagen. Für ihre Fort­be­we­gung war ein Wald­steig zu ihrem ange­streb­ten Ziel bei Wei­tem aus­rei­chend“, so Lechner.

Der „Juden­steig“ war so eine maut­freie Rou­te. Er ist ein Ver­bin­dungs­weg von Kobers­dorf zur Burg Land­see. Die­se Rou­te war für die Juden auch ein Ein­falls­tor zu ihren Kun­den auf den Märk­ten und Bau­ern­hö­fen im Raum Kirch­schlag, Wies­math, Lich­ten­egg, Edlitz, Aspang und auch Neun­kir­chen sowie über Schleinz nach Wie­ner Neustadt.

Unter­wegs dien­ten mög­li­cher­wei­se Bau­ern­hö­fe mit dem Hof­na­men „Juden­bau­er“ als Nacht­quar­tie­re bzw. Rast­sta­tio­nen für die markt­fah­ren­den Juden.

Spä­ter nutz­ten die jüdi­schen Kauf­leu­te ihre über Genera­tio­nen gemach­ten Erfah­run­gen mit den Bedürf­nis­sen der bäu­er­li­chen Kund­schaft durch die Errich­tung von Greiß­le­rei­en in den Ortschaften.