Ein Forschung­steam rund um Dr. Gert Dres­sel, Dr. Johann Hagen­hofer und Dr. Wern­er Sulz­gru­ber hat das Leben der jüdis­chen Fam­i­lien in der Region erforscht. Die Ergeb­nisse wer­den 2019 im Muse­um für Zeit­geschichte in Bad Erlach präsent­iert. Der Bote aus der Buck­li­gen Welt bietet im Rah­men ein­er Serie schon jet­zt einen Ein­blick in die span­nen­den Ergebnisse.

Die Gemis­cht­waren­hand­lung von Julius Daniel an der Haupt­straße von Kirch­berg am Wech­sel. / Repros: Bruno Bauer

Kirch­berg am Wech­sel: Erin­nerung an Fam­i­lie Daniel

von | Mai 24, 2018 | Archiv, Region

Schon vor 30 Jahren beschäftigte sich Bruno Bauer erst­mals mit der Geschichte der jüdis­chen Fam­i­lien in der Gemeinde Kirch­berg am Wech­sel. Der His­torik­er und wis­senschaftliche Bib­lio­thekar war sofort bere­it, auch an dem neuen Region­spro­jekt zur jüdis­chen Zeit­geschichte mitzuwirken. Im „Boten“ erzählt er von seinen Ent­deck­un­gen und wo die Forschungsreise noch hinge­hen wird.

Im Jahr 1988 hat Bruno Bauer als damals 25-Jähriger damit begonnen, bis 1995 mehr als 30 Inter­views mit Zeitzeu­gen aus Kirch­berg am Wech­sel und Umge­bung über den Zeitraum der 1930er- bis 1950er-Jahre durchzuführen. Ein Schw­er­punkt lag dabei auf Wider­stand und Ver­fol­gung während des NS-Regimes. Beson­ders inter­essierte Bauer, ob man 1938/1939 in ein­er rel­a­tiv abgeschot­teten Mark­t­ge­meinde über Ver­fol­gung und Ermor­dung der jüdis­chen Bevölkerung in Öster­re­ich Bescheid wusste. „Und so stieß ich auf die jüdis­che Fam­i­lie Samuel und Franziska Daniel, die in Kirch­berg eine ‚Ver­mis­cht­waren­hand­lung‘ an der Adresse Markt 12 betrieben hat. Auf­grund der Archivsperre, die damals noch die Nutzung viel­er wichtiger Doku­mente ver­hin­derte, und man­gels der mod­er­nen Recherchemöglichkeit­en des Inter­nets war ich damals im Wesentlichen auf die Aus­sagen der Zeitzeu­gen angewiesen, um das Schick­sal der Fam­i­lie Daniel rekon­stru­ieren zu kön­nen“, erin­nert sich Bauer.

Schließlich erfuhr er, dass die Daniels drei Kinder – Oskar, Siegfried und Else – hat­ten, dass Samuel Daniel Weltkrieg­steil­nehmer gewe­sen war, der auch eine k.u.k.-Auszeichnung erhal­ten hat­te, und dass er Mit­glied der Frei­willi­gen Feuer­wehr Kirch­berg gewe­sen war. Offen­sichtlich Ein­druck hin­ter­ließ auch der Bau ein­er kleinen Hütte, in der die Fam­i­lie regelmäßig das Laub­hüt­ten­fest feierte.

Depor­ta­tion verzögert

Auch über die Umstände der Depor­ta­tion wurde viel berichtet. Auf­grund der guten Ver­ankerung des alten Ehep­aares im Ort wurde deren Depor­ta­tion rel­a­tiv lange – bis 1942 – von den lokalen poli­tis­chen Akteuren verzögert, ehe sie auf Ini­tia­tive der Kreisleitung Neunkirchen abge­holt und nach There­sien­stadt gebracht wur­den, wo Franziska 1942 und Samuel 1943 ver­stor­ben sind. Ihr Besitz wurde ab 1939 treuhändisch ver­wal­tet und später von der Gemeinde übernommen.

„Meine dama­li­gen Stu­di­en führten bere­its 1989 zu der gemein­sam mit ein­er Zeitzeu­g­in betriebe­nen Grün­dung der ‚Ini­tia­tive Daniel‘. Mit­tels ein­er Spende­nak­tion ist es uns gelun­gen, 1990 eine Gedenk­tafel, finanziert aus den Spenden von 80 Kirch­berg­ern, an der Mauer des Orts­fried­hofs anzubrin­gen. Während heute der­ar­tige Erin­nerungs­mah­n­male fast schon zum guten Ton gehören, war es vor fast 30 Jahren poli­tisch noch sehr schwierig, ein solch­es Unter­fan­gen zu real­isieren, weshalb ich noch heute dem dama­li­gen Ort­sp­far­rer Emerich Klen­er und dem dama­li­gen Bürg­er­meis­ter Leopold Hech­er für die Unter­stützung sehr dankbar bin“, so Bauer.

Auch in der 2001 von der Gemeinde Kirch­berg her­aus­gegebe­nen Ortschronik wur­den die Ergeb­nisse von Bauers Nach­forschun­gen über die Fam­i­lie Daniel veröffentlicht.

Neue Erken­nt­nisse

Für Bruno Bauer war das Zeit­geschichte-Pro­jekt rund um Johann Hagen­hofer und Wern­er Sulz­gru­ber eine willkommene Gele­gen­heit, mit den heuti­gen Möglichkeit­en seine Erken­nt­nisse zu stützen. Zwar sind ihm dabei über die Fam­i­lie Daniel keine neuen Infor­ma­tio­nen untergekom­men, allerd­ings erfuhr er so von neuen Fällen, die ihm bish­er nicht bekan­nt waren. „Auf­grund von Arisierungs- und Rück­stel­lungsak­ten lässt sich bele­gen, dass Max Waller und Josef Wit­tels, bei­de nicht in Kirch­berg ansäs­sig, Liegen­schaften im Ort besessen haben. Bei­de Fälle sind bish­er noch nicht ausrecherchiert.“

Schu­lungslager im Wech­sel­ge­bi­et

Beson­ders inter­es­sant und uner­wartet war für Bauer, als er auf eine Episode in der Geschichte des Gutes Ham­mer­hof stieß, dass diese in ihrer Bedeu­tung weit über die Orts­geschichte hin­ausweist. Das Gut befind­et sich in Molzegg, in unmit­tel­bar­er Nähe zum Gemein­dege­bi­et von Otterthal und Trat­ten­bach. 1939 wurde hier im Rah­men von Ali­ja ein jüdis­ches Schu­lungslager für jüdis­che Jugendliche errichtet und betrieben, wo sie für die Auswan­derung nach Palästi­na und ins­beson­dere für die land­wirtschaftliche Arbeit im Kib­buz vor­bere­it­et wer­den sollten.

„Mir war zwar vorher schon bekan­nt, dass es bere­its seit den 1920er-Jahren jüdis­che Ini­tia­tiv­en gab, möglichst vie­len Juden die Aus­reise nach Palästi­na zu ermöglichen, nicht aber, dass es ein Schu­lungslager im Wech­sel­ge­bi­et gegeben hat.

Im Archiv der Israelitis­chen Kul­tus­ge­meinde gibt es eine Namensliste vom Sep­tem­ber 1939, in der 84 jüdis­che Burschen und Mäd­chen zwis­chen 14 und 17 Jahren ange­führt sind. Inter­netquellen bele­gen, dass viele von ihnen der NS-Tötungs­maschiner­ie zum Opfer gefall­en sind. „Das Ali­ja-Lager am Ham­mer­hof weist noch viele unbeant­wortete Fra­gen auf, sodass ich den Fokus mein­er Forschun­gen in näch­ster Zeit auf dieses The­ma leg­en werde“, so Bauer.