Foto: Stein­bich­ler

Wer durch das Feistritz­tal reist und nach Kirch­berg am Wech­sel kommt, wird schon von Weit­em von einem markan­ten Gebäude begrüßt: Auf einem Felss­porn über dem Ort ste­ht die prächtige gotis­che Wolf­gangskirche. Die Sagen und Leg­en­den rund um die Kirche und ihre Grün­dung sind vie­len wohl noch aus der Schule bekan­nt, die wech­sel­hafte Geschichte der Kirche jedoch ver­mut­lich nur weni­gen. Auch von innen ist diese Kirche vie­len noch unbekan­nt, was die „Fre­unde der Wolf­gangskirche“ jedoch mit viel Engage­ment zu ändern versuchen.

Meist kann man die Kirche nur von außen bewun­dern, was allein der Stein­met­zkün­ste an den wun­der­schö­nen Por­tal­en wegen schon ein Erleb­nis ist. Die Tore öff­nen sich nur für Führun­gen, Ver­anstal­tun­gen und einige Messen im Jahr. Umso span­nen­der ist daher solch eine Kirchen­führung, die der Vere­in „Fre­unde der Wolf­gangskirche“ regelmäßig anbi­etet. Johann Mit­ter ist seit 22 Jahren Vere­ins-
obmann und somit ein wahrer Ken­ner der bedeu­ten­den Kirche. Wenn er durch das Bauw­erk führt, sind die Geschicht­en und Anek­doten, die er zu nahezu jedem Winkel der Kirche erzählen kann, fast noch beein­druck­ender als das Gebäude selb­st. Kein Wun­der also, dass Mit­ter mit seinem Wis­sen ger­ade ein ganzes Buch über die Kirche gefüllt hat.

Zweimal zer­stört und wiederaufgebaut

Der Bau dürfte vor dem Jahr 1400 begonnen wor­den sein; 1404 wird die Kirche erst­mals in ein­er Urkunde erwäh­nt, fer­tiggestellt wurde sie um 1450. Der Kirch­berg­er Adelige Ortolph von Ofen­peck gilt als Stifter, es dürften aber auch die mächti­gen Kranich­berg­er hin­ter der Kirchen­s­tiftung steck­en. Dass die Kirche hoch über dem Ort und viel prächtiger als die lokale Pfarr- und Klosterkirche erbaut wurde, deutet Johann Mit­ter als Macht­demon­stra­tion des Adels gegenüber dem Klerus. Schon bald wurde die Wall­fahrt zur Anbe­tung des Heili­gen Wolf­gangs betrieben, die wohl ein lukra­tives Geschäft war. Über die Jahrhun­derte wurde die Kirche mehrmals um- und aus­ge­baut, der große gotis­che Innen­raum muss die ein­fachen Pil­ger sehr beein­druckt haben.

Bis zum Jahr 1782 herrschte reger Wall­fahrts­be­trieb, dann traf die Kirche der erste Schick­salss­chlag: Kaiser Josef II. ließ sie schließen (wie übri­gens auch das Kloster im Ort und die Wall­fahrt­skirche im nahen St. Coro­na), die Ein­rich­tung wurde in der Umge­bung verteilt, die Kirche als „Stein­bruch“ freigegeben.

Da die Mauern und Gewölbe aber der­art mas­siv und „wie aus einem Stein“ gebaut waren, mussten die Gewölbe 1796 gesprengt wer­den. Nun fol­gte ein halbes Jahrhun­dert lang ein trau­riges Dasein als Ruine, nur die Sakris­tei war von Klein­häuslern bewohnt.

Zahlre­iche Kün­stler ent­deck­ten die pit­toreske gotis­che Kirchen­ruine als roman­tis­ches Motiv, unter ihnen auch der berühmte Rudolf von Alt. Und auch die ersten Touris­ten besucht­en sie als Aus­flugsziel und verewigten sich an den Mauern – übri­gens bis heute sicht­bar. 1859 wurde mit dem Wieder­auf­bau begonnen, der 1917 abgeschlossen wer­den kon­nte. Auf dem let­zten Satz in der Festschrift zur Fer­tig­stel­lung schien jedoch ein Fluch zu las­ten: „Nur ein Blitz­ableit­er fehlt noch.“ Denn wenig später, am 6. April 1918, schlug ein Blitz in den Turm ein die Kirche bran­nte voll­ständig aus. Nach dieser zweit­en Katas­tro­phe sollte sie jedoch schneller wieder­aufer­ste­hen: Prälat Dr. Leopold Krebs, von 1900 bis 1902 Kaplan in Kirch­berg, engagierte sich sehr für den raschen Wieder­auf­bau und die Ausstat­tung mit Kun­st- und Kulturschätzen.

Die Wolf­gangskirche im 21. Jahrhundert

So sind bis heute die früh­go­tis­che Kanzel der leg­endären, in Klosterneuburg abge­broch­enen Capel­la Speziosa und zahlre­iche Bilder zu bewun­dern, darunter ein echter „Kremser Schmidt“ und ein riesiges Altargemälde aus dem Wiener Stephans­dom. Ungewöhn­lich wirkt die schlichte Holzdecke; sie ver­lei­ht dem gotis­chen Kirchen­raum eine untyp­is­che Leichtigkeit, die mit dem durch die hohen Fen­ster strahlen­den Licht eine einzi­gar­tige Atmo­sphäre erzeugt.

Dass diese Stim­mung wieder möglichst viele Men­schen genießen kön­nen, ist neben Erhal­tungsar­beit­en die Haup­tauf­gabe des rund 400 Mit­glieder starken Vere­ins „Fre­unde der Wolf­gangskirche“. Vor genau 50 Jahren wurde dieser gegrün­det, um die damals schon wieder ren­ovierungs­bedürftige Kirche mit Spenden und Arbeit­sein­satz zu erhal­ten. Johann Mit­ter arbeit­et als Obmann vor allem auch daran, dass die Bedeu­tung dieser ein­ma­li­gen Kirche in der Umge­bung bewusster wird. Dies ist neben dem 50-Jahr-Jubiläum auch der Grund, warum er heuer das Buch „Die Wolf­gangskirche“ her­aus­ge­bracht hat, das Anfang Juli präsen­tiert wurde. Auf ein­drucksvollen 288 Seit­en erzählt er darin vom Wer­den, Verge­hen und zweifachen Wieder­aufer­ste­hen des außergewöhn­lichen Bauw­erks. Erhältlich ist das Buch in der Raif­feisen­bank und im Touris­mus­büro Kirch­berg. Einen per­sön­lichen Ein­blick erhält man übri­gens jeden Son­ntag im Juli und August um 14 Uhr bei Kirchen­führun­gen des Vereins.

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Fotos: Stein­bich­ler