Smartphone-Trainerin Julia Hentschel / Foto: Karina Schwarz

Im Rahmen von „Bildung wächst“ besuchte Smartphone-Trainerin Julia Hentschel im vergangenen Schuljahr 80 Schulklassen in der Region Bucklige Welt-Wechselland. Gemeinsam mit den Schülern der 3. und 4. Klassen Volksschule sowie der 1. und 2. Klassen Mittelschule sprach sie über die Onlinewelt. Dabei ging es um Smartphones, Social Media, Datenschutz, Cybermobbing und zunehmend auch um Künstliche Intelligenz. Im Gespräch mit dem „Boten“ erzählt sie, warum das erste Handy möglichst spät kommen sollte, weshalb Eltern oft überfordert sind und warum Verbote allein keine Lösung sind. Auch heuer wird das Projekt fortgesetzt. 

Bote: Sie waren in rund 80 Klassen unterwegs – vor allem bei Kindern zwischen acht und zwölf Jahren. Warum ist gerade dieses Alter für das Thema digitale Welt so wichtig?

Smartphone-Trainerin Julia Hentschel: Kinder kommen schon viel früher mit digitalen Geräten in Berührung. Aber ab der zweiten Volksschule macht es aus medienpädagogischer Sicht besonders Sinn, intensiver damit zu arbeiten, weil die Kinder dann lesen und Inhalte besser verstehen können. Dazu kommt im ländlichen Raum oft ein ganz konkreter Anlass: die Erstkommunion. Viele Kinder bekommen da ihr erstes Handy.

Bote: Ist das aus Expertensicht ein gutes Alter?

Ich sage immer: Je später, desto besser. Man kann zwar auf den Geräten Kontrollinstanzen einrichten, aber man kann vieles noch besser kontrollieren, wenn das Kind das Gerät nicht permanent zur Verfügung hat. Wenn es nur darum geht, erreichbar zu sein, gibt es Alternativen – etwa ein Tastenhandy oder eine Smartwatch. Auch ein Smartphone kann man natürlich sehr stark einschränken und kindersicherer machen. 

Bote: Sie waren in 80 Klassen in der Region unterwegs. Wie sieht ihre Bilanz aus?

Grundsätzlich ist es im ländlichen Raum noch harmloser als in der Stadt. Man merkt, dass Kinder hier oft noch behüteter aufwachsen und mehr andere Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Man kann es aber nicht verallgemeinern. Es gibt Klassen, in denen die Nutzung sehr unkontrolliert stattfindet, und andere, in denen die Eltern sehr genau darauf achten. 

Bote: Woran liegt das?

Sehr stark an den Eltern. Wenn eine Klasse gut funktioniert, liegt es meistens daran, dass sich die Eltern auf gewisse Dinge einigen. Und wenn es gar nicht funktioniert, liegt es oft daran, dass sich die Eltern nicht einig sind. Auch die Schule kann eine Rolle spielen. Die Lehrkräfte dürfen nicht in den privaten Bereich eingreifen, aber sie können die Eltern dazu bringen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Bote: Was bedeutet denn „gut funktionieren“ konkret?

Zum Beispiel, dass Handy und Smartwatch während des Schulvormittags keine Rolle spielen. Das funktioniert in der Region erstaunlich gut. Zu Hause ist natürlich eine andere Ebene – dort sind die Eltern gefragt.

Bote: Und die fragen sich meist selbst, wie ein richtiger Umgang mit Smartphone und Co aussieht.

Ja. Das Thema ist einfach unglaublich weitläufig. Es geht ja längst nicht nur um Smartphones. Spielekonsolen, Tablets oder Fernseher gehören auch dazu. Und jedes Gerät bringt andere Möglichkeiten und andere Gefahren mit sich. In meinen Workshops sprechen wir deshalb über mehrere Bereiche: das Gerät selbst, Suchtfaktoren, Datenschutz und später auch über Themen wie Cybermobbing oder sexuelle Belästigung im Internet.

Bote: Wie kann man einem Achtjährigen erklären, was Datenschutz bedeutet?

In der Volksschule arbeite ich bewusst ohne Geräte. Ich mache das Internet sozusagen „zum Angreifen“. Wir sprechen auch über das Recht am eigenen Bild. Auch ein Volksschulkind darf sagen: „Ich möchte nicht, dass du ein Foto von mir in deinen WhatsApp-Status stellst.“

Bote: Kann ein Achtjähriger wirklich entscheiden, ob seine Oma ein Foto von ihm in den WhatsApp-Status stellt oder auf Facebook teilt?

Das liegt natürlich auch an den Eltern. Aber Kinder erleben durchaus, dass Fotos von ihnen online sind und sie das nicht möchten. Das Wichtigste ist, dass die Kinder wissen: Wenn jemand ein Foto von mir online gestellt hat, kann ich verlangen, dass es wieder entfernt wird.

Bote: Wie verhindert man, dass man für Kinder zum Spielverderber wird? Ein Smartphone bedeutet für sie schließlich auch Freiheit.

Das stimmt. Aber ich habe selten das Gefühl, dass die Kinder nur denken: „Du nimmst mir etwas weg.“ Viel öfter sind es Aha-Momente. Sie erkennen: Da könnte tatsächlich etwas passieren. Das gehört zur Lebenserfahrung dazu – und es ist besser, wenn sie bestimmte Dinge vorher gehört haben, um sie nicht selbst erfahren zu müssen. Gerade bei Themen wie sexueller Belästigung im Internet muss man klare Worte finden. Kinder müssen wissen: Was mache ich, wenn ich so etwas bekomme? Wie blockiere ich es? Wie melde ich? Wie sichere ich Beweise?

Bote: Sie haben Cybermobbing angesprochen. Was ist für die Kinder und Jugendlichen das größere Problem – Gefahren, die von außen kommen, oder Konflikte unter den Schülern selbst?

Das kann man nicht so einfach trennen. Vieles wird erst durch eine bestimmte Dynamik zum Problem. Ich glaube, dass Mobbing-Dynamiken durch das Internet zusätzlich gefüttert werden. Ein Beispiel sind WhatsApp-Kanäle. Kinder erstellen solche Kanäle, filmen sich und stellen Dinge hinein. Wenn dann eine Klassendynamik entsteht, kann jeder Post zum gefundenen Fressen werden. Das Internet verstärkt solche Konflikte.

Bote: Und wie bekommt man so einen Konflikt wieder in den Griff?

Indem sich die Eltern mit den Kindern zusammensetzen und versuchen, das Verhalten zu reflektieren. Wir müssen Konfliktmanagement wieder lernen. Erwachsene müssen manchmal eingreifen und den Kindern zeigen, wie man einen Konflikt tatsächlich löst.

Bote: Was können Eltern bei dieser ganzen Thematik konkret tun?

Das Wichtigste ist, überhaupt anzufangen. Viele Eltern denken: „Es läuft eh irgendwie.“ Das ist aber häufig gar keine Bequemlichkeit, sondern Überforderung. Beruf, Kinder und alles andere unter einen Hut zu bringen, ist schon schwierig genug. Sich dann auch noch in jede neue App einzuarbeiten, ist eine zusätzliche Aufgabe. Aber jeder Schritt zählt. Und: Wir können nicht nur mit dem Finger auf Kinder und Jugendliche zeigen. Auch wir Erwachsenen müssen unseren eigenen Umgang mit den digitalen Medien reflektieren. 

Bote: Ein noch junger Themenkomplex ist die KI. Was bedeutet diese Entwicklung für unser digitales Leben?

KI ist für mich vor allem eine Riesenchance. Natürlich bringt sie neue Probleme, etwa bei Fake-Inhalten oder -Bildern. Aber wir werden Schule, Arbeit und unser gesamtes Leben ohnehin neu denken müssen. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, so zu tun, als gäbe es diese Technologie nicht. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Das bedeutet etwa auch, dass sich das Thema Hausaufgaben komplett und sehr rasch verändern muss – in eine Richtung, wo KI unterstützend eingesetzt wird, aber nicht die eigentliche Aufgabe macht.

Bote: Wie lässt sich künftig überhaupt noch erkennen, ob das, was man sieht oder liest, echt ist oder etwas, das sich die KI ausgedacht hat?

Das wird immer schwieriger. Schon jetzt ist es teilweise kaum mehr möglich. Deshalb müssen wir den Kindern vermitteln, dass KI eine Maschine ist und dass nicht alles, was sie ihnen zeigt, automatisch stimmt. Auch Filterblasen sind ein großes Thema. Wenn ich immer mehr Inhalte zu einem bestimmten Thema sehe, bekomme ich irgendwann das Gefühl, dass das die einzige Wahrheit ist. Die Kinder müssen verstehen, dass sie genau deshalb kritisch hinterfragen müssen: Stimmt das wirklich? Woher kommt diese Information? Mit wem kann ich darüber reden?

Bote: Also dreht sich wieder alles um Eigenverantwortung?

Genau. Wir können nicht darauf warten, dass irgendjemand das Internet zu einem friedlichen Ort macht. Es wird auf Eigenverantwortung hinauslaufen. Deshalb ist meine wichtigste Botschaft an die Eltern: Redet mit euren Kindern über das Internet – über Datenschutz, darüber, was man online stellt und was nicht, über Social Media, über KI und darüber, was passiert, wenn etwas schiefgeht. Man muss nicht alles wissen. Aber man muss bereit sein, sich gemeinsam mit dem Kind damit auseinanderzusetzen. 

Bote: Und genau hier setzt das Regionsprojekt an?

Ja. Im neuen Schuljahr wird das Projekt ausgeweitet und auch die zweiten Klassen VS sind dabei. Die Kinder entwickeln sich ja weiter, die technischen Möglichkeiten wie auch die Probleme verändern sich. Ich habe ein Grundgerüst für jede Schulstufe, aber ich passe die Workshops immer an die jeweilige Klasse an. Genau das macht das Projekt für mich so wertvoll: Es geht nicht darum, den Kindern Angst vor dem Internet zu machen. Es geht darum, ihnen Werkzeuge mitzugeben, damit sie sich in dieser digitalen Welt möglichst sicher und selbstbewusst bewegen können.