Ein For­schungs­team rund um Dr. Gert Dres­sel, Dr. Johann Hagen­ho­fer und Dr. Wer­ner Sulz­gru­ber hat das Leben der jüdi­schen Fami­li­en in der Regi­on erforscht. Die Ergeb­nis­se wer­den 2019 im Muse­um für Zeit­ge­schich­te in Bad Erlach präsent­iert. Der Bote aus der Buck­li­gen Welt bie­tet im Rah­men einer Serie schon jetzt einen Ein­blick in die span­nen­den Ergebnisse.

Jose­fi­ne Dani­el (re.) und ihre Schwes­ter vor dem Grab­stein von Fran­zis­ka Dani­el. Ruth Con­tre­ras ent­deck­te das Bild in einem eng­lisch­spra­chi­gen Blog­bei­trag und nahm mit der Autorin Kon­takt auf. Die­se ent­pupp­te sich als Enke­lin von Jose­fi­ne Dani­el / Foto: Mari­an­ne Kwiatkowski

Jüdi­sche Spu­ren in Pit­ten und in Amerika

von | Jul 18, 2018 | Archiv

Mit Dr. Ruth Con­tre­ras aus Pit­ten ist eine Per­sön­lich­keit Teil des For­schungs­teams zur jüdi­schen Geschich­te in der Regi­on, die selbst eine direkt Betrof­fe­ne ist. Sie sieht es daher als ihre wich­ti­ge Auf­ga­be, gegen das Ver­ges­sen zu wir­ken. Schon im Rah­men der „Lebensspuren“-Reihe im Boten aus der Buck­li­gen Welt, aus der schließ­lich der drit­te Band der Zeit­zeu­gen-Bücher ent­stan­den ist, wur­de sie zu ihren Erin­ne­run­gen befragt. Nun hat sie sich selbst auf Spu­ren­su­che in ihrer Hei­mat­ge­mein­de begeben.

„Die Lie­gen­schaft mei­ner Fami­lie in Pit­ten wur­de 1938 ari­siert und dann von der NS-Orts­grup­pen­lei­tung genutzt. Ich bin also als Nach­fah­rin selbst betrof­fen“, so Ruth Con­tre­ras über ihre Beweg­grün­de, an dem For­schungs­pro­jekt über die jüdi­sche Geschich­te in der Buck­li­gen Welt und im Wech­sel­land teil­zu­neh­men. „Bei dem Pro­jekt mit­zu­ar­bei­ten, war für mich daher auch eine Bring­schuld, da ich es für wich­tig erach­te, zumin­dest jetzt, wo es kaum mehr wirk­li­che Zeit­zeu­gen gibt, mit­zu­hel­fen, dass die Erin­ne­rung an die ver­trie­be­nen oder dem Nazi­ter­ror zum Opfer gefal­le­nen jüdi­schen Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger in geeig­ne­ter Wei­se auf­recht­erhal­ten wird“, so Contreras.

Archiv­su­che

Also mach­te sie sich auf die Suche nach Doku­men­ten, die das jüdi­sche Leben in Pit­ten auf­zei­gen. Neben Besu­chen des Archivs der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de, des Öster­rei­chi­schen Staats­ar­chivs und des Doku­men­ta­ti­ons­ar­chivs des Öster­rei­chi­schen Wider­stan­des waren die in Pit­ten selbst vor­han­de­nen Unter­la­gen (etwa Mel­de­zet­tel und Schul­ka­ta­lo­ge) für ihre For­schungs­ar­beit von gro­ßer Bedeutung.

„Bei der Ein­sicht­nah­me erhielt ich durch die Gemein­de Pit­ten jede erdenk­li­che Hil­fe. So wur­de ich auf das Schick­sal der Fami­lie Rudolf Abe­les auf­merk­sam, über deren Exis­tenz ich bis­her nichts gewusst hat­te“, erin­nert sich die For­sche­rin. Dem „Boten“ ver­riet sie schon jetzt eini­ge der inter­es­san­tes­ten Ergeb­nis­se ihrer Arbeit.

Erho­lungs­heim Frauenhort

Es waren nur weni­ge jüdi­sche Fami­li­en, die sich im 19. und im begin­nen­den 20. Jahr­hun­dert in Pit­ten ansie­del­ten. Der Grund mag wohl die Nähe zum Bet­haus in Erlach gewe­sen sein. Pit­ten war aber auch wie so vie­le Orte an der Aspangbahn eine belieb­te Som­mer­fri­sche und beher­berg­te immer wie­der auch jüdi­sche Gäste.

Fährt man von See­ben­stein kom­mend über Sau­tern nach Pit­ten, fällt in der See­ben­stei­ner Stra­ße 42 eine schö­ne Vil­la auf, die noch so erhal­ten ist, wie sie vor mehr als 100 Jah­ren errich­tet wurde.

Am 19. Dezem­ber 1908 erwarb der Israe­li­ti­sche Frau­en-Wohl­tä­tig­keits­ver­ein „Frau­en­hort für den Bezirk Alser­grund in Wien“ die­se Vil­la für das „Kai­ser Franz Joseph-Arbeiterinnen-Erholungsheim“.

Erho­lungs­be­dürf­ti­ge Arbei­te­rin­nen, die sich kei­nen Som­mer­fri­sche-Auf­ent­halt leis­ten konn­ten, soll­ten dort die Mög­lich­keit zur Erho­lung erhal­ten. Aus finan­zi­el­len Grün­den muss­te der Wohl­tä­tig­keits­ver­ein das Erho­lungs­heim aber schließ­lich außer Betrieb neh­men. 1922 wur­de es an den „Israe­li­ti­schen Huma­ni­täts­ver­ein Ein­tracht – B’nei B’rith“ ver­mie­tet und bis Ende der 1920er-Jah­re wei­ter­hin als Erho­lungs­heim genutzt. 1930 kauf­te der jüdi­sche Kauf­mann Hein­rich Jaul aus See­ben­stein die Vil­la, der dann durch die Nazis ent­eig­net wur­de. Hein­rich Jaul sowie Frau und Toch­ter wur­den eben­so in der Sho­ah ermor­det, wie sein in Pit­ten leben­der Bru­der, der Gemischt­wa­ren­händ­ler Johann Jaul und des­sen Frau Josefine.

Kauf­mann Abeles

„Bei der Recher­che in den Schul­ka­ta­lo­gen der Gemein­de Pit­ten stieß ich auf die Fami­lie des bis etwa 1870 in Brunn bei Pit­ten leben­den, aus Mat­ters­dorf stam­men­den Kauf­man­nes Rudolf Abe­les und sei­ne Frau Char­lot­te. Der jüngs­te Sohn Isi­dor kam 1878 in Pit­ten zur Welt, wo die Fami­lie dann meh­re­re Jahr­zehn­te leb­te“, so Contreras.

Bis Okto­ber 1939 leb­te die 1866 gebo­re­ne Toch­ter Rosa Rebek­ka Abe­les in Pit­ten. Ein Mel­de­zet­tel gibt Auf­schluss über ihr Schick­sal: Sie war die letz­te noch in Pit­ten ansäs­si­ge jüdi­sche Mit­bür­ge­rin, die im Okto­ber 1939 vor­über­ge­hend in das bereits ari­sier­te ehe­ma­li­ge Wohn- und Geschäfts­haus von Johann Jaul in der Wie­ner Neu­städ­ter Stra­ße 18 über­sie­deln muss­te. Johann Jaul und sei­ne Frau leb­ten damals schon in Wien im 2. Bezirk in einer Sam­mel­woh­nung in der Rem­brandt­stra­ße, von wo aus sie nach Riga depor­tiert und schließ­lich ermor­det wurden.

Rosa Rebek­ka Abe­les wur­de in ein jüdi­sches Alters­heim in Wien gebracht. Als die­ses Alters­heim 1941 geschlos­sen wer­den muss­te, wur­de sie in ein von den Nazis als „Aus­son­de­rungs­heim“ bezeich­ne­tes Alters­heim im 10. Bezirk über­stellt. Ihr Weg führ­te dann über The­re­si­en­stadt bis nach Treb­lin­ka, wo sie 1942 umkam.

Ver­fol­gung durch die Nazis entkommen

Im Kata­log der Bür­ger­schu­le Pit­ten für das Schul­jahr 1914/15 scheint eine Schü­le­rin Jose­fi­ne Dani­el aus Wim­pas­sing auf, die bei ihrem Groß­va­ter Rudolf Abe­les in Pit­ten wohn­te. Die 1865 gebo­re­ne Toch­ter von Rudolf Abe­les, Fran­zis­ka, hat­te in Wim­pas­sing den Kauf­mann Sig­mund Dani­el geheiratet.

Fran­zis­ka Dani­el geb. Abe­les starb 1930 und ist am jüdi­schen Fried­hof in Neun­kir­chen begra­ben. Con­tre­ras konn­te im Rah­men ihrer Recher­chen aber auch den wei­te­ren Lebens­weg von Toch­ter Jose­fi­ne rekonstruieren.

„Jose­phi­ne hat­te Glück, sie wan­der­te bereits 1922 nach Ame­ri­ka aus, wo Ver­wand­te von ihr leb­ten. Sie ent­kam so der Ver­fol­gung durch die Nazis. Durch Zufall stieß ich im Inter­net bei der Suche nach einer Jose­fi­ne Dani­el aus Wim­pas­sing auf einen Blog mit dem Titel ‚Sto­ries from the Past‘ und auf ein Foto mit zwei Frau­en vor dem Grab­stein von Fran­zis­ka Dani­el“, erzählt Con­tre­ras von ihrer span­nen­den Suche.

Schließ­lich ver­such­te sie, mit der Autorin des Blogs, Mari­an­ne Kwiat­kow­ski, Kon­takt auf­zu­neh­men, und die Ant­wort, die sie erhielt, war überwältigend.

„Die Autorin ist tat­säch­lich die Enke­lin von Jose­fi­ne und die Urur­en­ke­lin von Rudolf und Char­lot­te Abe­les aus Pit­ten. Ihr ver­dan­ke ich das Foto ihrer Urgroß­mutter und des Grab­stei­nes mit ihrer Groß­mutter und Groß­tan­te“, so Contreras.

Zu den Nach­fah­ren von Rudolf Abe­les, die in den USA leben, besteht seit­her ein freund­schaft­li­cher Kontakt.

Rosa Rebek­ka Abe­les, Johann und Jose­fi­ne Jaul sowie ein Eutha­na­sie­op­fer erhal­ten am 7. August 2018 Stol­per­stei­ne in Pitten.