Unter dem Motto „Start Leading … denn Erfolg ist Gewissheit“ hat sich der gelernte Tischlermeister Josef Hofer als Unternehmensberater selbstständig gemacht und erklärt Arbeitgebern nun, was ihre Mitarbeiter und ihr Betrieb mit einem Überraschungsei verbindet. / Foto: Rehberger

Arbeitsplatz Bucklige Welt: Neue Ideen in einer neuen Berufswelt

von | Sep 6, 2018 | Wirtschaft

Jugendarbeitslosigkeit, Fachkräftemangel, fehlende Jobs. Wenn das Thema Arbeit auf den Tisch kommt, dann sind es nur selten gute Nachrichten, die man da hört. Wir haben einen Blick auf die Situation in der Region geworfen, wo jene Fachkräfte ausgebildet werden, deren handwerkliches Geschick weit über die Grenzen hinaus bekannt ist. Stirbt auch hier das Handwerk aus? Was erwartet sich die Wirtschaft von (Nachwuchs-)Fachkräften, und was erwarten sich die Arbeitnehmer von ihren Chefs? Wie schafft man einen begehrten Arbeitsplatz, und wie bekommt man ihn? Wir sprachen mit einigen, die es wissen müssen, und gingen der Frage auf den Grund, was das alles mit einem Überraschungsei zu tun hat.

Der Fachkräftemangel hat längst auch die Bucklige Welt erreicht. Vielleicht nicht ganz so schnell und so schlimm wie anderswo, weil hier das Handwerk nach wie vor einen hohen Stellenwert hat, aber dennoch spürbar. Arbeitgeber, die bei dieser Entwicklung noch relativ unbeschadet davonkommen, sind jene, die rechtzeitig für ihre Fachkräfte selbst gesorgt, sprich: Lehrlinge ausgebildet haben. Diese muss man aber auch erst einmal finden, denn das Image des Lehrberufs, die Ahnung davon, welche es überhaupt gibt und der Wille von Jugendlichen, die Schule zu verlassen und ins Berufsleben einzusteigen, sind nicht gerade berauschend. Das weiß Johann Ostermann, Obmann der Wirtschaftsplattform Bucklige Welt, nur zu genau. In seinem Tischlereibetrieb in Wiesmath legte er größten Wert auf die Fachkräfte-Ausbildung, er hat über 50 Lehrlinge ausgebildet.

Als Innungsmeister-Stv. der Tischler in der Wirtschaftskammer Niederösterreich verfolgte er aber auch die Entwicklung in den letzten Jahren sehr genau.

„Es gibt in Niederösterreich rund 250 Lehrberufe, die man erlernen kann. Die meisten kennen allerdings nur sehr wenige davon. Es ist wichtig, so früh wie möglich bei den Kindern anzusetzen und ihnen die Berufe näherzubringen. Nur so können sie lernen, welche Berufe es überhaupt gibt und welche Arbeit ihnen gefallen könnte“, so Ostermann.

Mit der Wirtschaftsplattform ist er daher auch von Anfang an bei dem Bildungsprojekt „Bildung wächst“ als einer der Initiatoren dabei gewesen, denn es sei nicht nur wichtig, dass die Schüler lernen, welche Anforderungen an sie in der Arbeitswelt gestellt werden, sondern dass es auch einen direkten Kontakt zu den Unternehmern in der Region gibt. Ziel ist es, die Jugendlichen möglichst rasch mit den verschiedenen Berufsbildern bekanntzumachen.

Sein Erfolgsgeheimnis, warum er noch nie Probleme mit einem Mangel an Fachkräften hatte: „Man muss die Jugendlichen so schnell wie möglich mitmachen lassen. Nur so haben sie auch Freude an der Arbeit. Und alle im Betrieb müssen sich auf Augenhöhe und mit Wertschätzung begegnen. Wenn die zwischenmenschlichen Beziehungen im Betrieb passen, dann bleiben die gut geschulten Mitarbeiter auch“, so Ostermann.

„Der Mensch ist ein Rudeltier“

Einer, der sich intensiv damit auseinandergesetzt hat, wie man ein Betriebsklima schafft, in dem alle gemeinsam an einem Strang ziehen, ist Josef Hofer aus Krumbach. Der gelernte Tischlermeister ist heute im deutschsprachigen Raum als Unternehmensberater im Einsatz. Sein Wissen und seine Erfahrung sammelte er durch seine langjährige Tätigkeit bei F/List in Thomasberg. Er war mittendrin, als der Bereich Flugzeugausstattung aufgebaut wurde. Und er hatte damit umzugehen, wie man einen Bereich, der innerhalb von zweieinhalb Jahren von 20 auf 165 Mitarbeiter gewachsen ist, trotzdem als gut funktionierendes Team zusammenbringt.

Schon damals hat er seinen ganz eigenen Weg gefunden. „In der Vergangenheit war die Mitarbeiterführung in den meisten Betrieben typisch patriarchisch. Es gibt einen Chef, der gibt etwas vor, und alle folgen. Dasselbe gibt es auch andersrum, wenn Chefs nur auf die Bedürfnisse des Teams achten. Beides funktioniert in einem modernen Betrieb heute nicht“, so Hofer.

Aber: „Der Mensch ist ein Rudeltier und kein Schwarm. Es braucht also einen mit einer Vision und einem klaren Bild davon, welchen Weg man beschreiten will. Die Kunst liegt darin, die Mitarbeiter so zu behandeln, dass sie sich mit dem, was passiert, und mit dem Betrieb identifizieren können.“

Der Kern der Sache liegt in einer Kapsel

Wie das in der Praxis aussieht, das erklärt Hofer, der sich Anfang dieses Jahres als Unternehmensberater selbstständig gemacht hat, mit einem Überraschungsei.

„Die gelbe Kapsel ist das einzigartige Potenzial, das jeder von uns hat. Die meisten Menschen wissen aber nicht, was in ihrer Kapsel steckt“, so Hofer. Deshalb will auch er das Projekt „Bildung wächst“ unbedingt unterstützen. Weil er der Meinung ist, dass je früher man weiß, was das persönliche, einzigartige Potenzial ist, desto besser findet man sich im Arbeitsleben zurecht. Im besten Fall wissen Jugendliche also schon, was in ihrer Kapsel steckt, bevor sie sich für eine Lehre oder eine weiterführende Schule bewerben.

Die Kapsel gelte es aber nicht nur bei den Arbeitskräften zu finden und zu öffnen, sondern auch beim Betrieb selbst. „Man muss auch für das Unternehmen die Einzigartigkeit finden, jene Nische, die den Betrieb zu etwas Besonderem macht. Dazu muss man erkennen, wo das einzigartige Potenzial liegt“, so der Experte.

Es gehe darum, eine Umgebung zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen, um die Organisation des Unternehmens, eine gut funktionierende Aufgabenverteilung und darum, die Stärken jedes einzelnen Mitarbeiters zu kennen. So hätten Betrieb und Mitarbeiter die entsprechenden Weiterentwicklungschancen. Und wenn die Kapsel das einzigartige Potenzial ist, was ist dann die Schokohülle des Überraschungseis? „Das ist das Bild, das man von innen nach außen transportieren möchte“, so Hofer.

Viele Häuptlinge und keine Indianer

Einer der größten Arbeitgeber unter den Klein- und Mittelbetrieben der Region mit rund 50 Mitarbeitern ist der Elektrobetrieb von Robert
Riegler in Krumbach. Er kennt die Thematik rund um mangelnde Fachkräfte und ist selbst immer auf der Suche nach Facharbeitern. „Das Problem ist, dass heute jeder ein Häuptling sein will und keiner mehr ein Indianer. Wenn man aber sieht, dass wie in meinem Bereich, Fachkräfte gebraucht werden, die dann auch einen sicheren Job haben, dann ist es schade, dass es immer weniger Lehrlinge gibt“, so Riegler.

Job als Großfamilie

Für Barbara Mayrhofer vom Friseurteam Edlitz liegt der Grund, warum sie heute noch genügend gut ausgebildete Mitarbeiterinnen haben, einzig darin, dass sie diese selbst ausbilden. Von den insgesamt 12 Friseurinnen sind nur drei, die nicht hier in die Lehre gegangen sind. „Anders geht es nicht. Wir hatten eine Zeit, wo wir weniger Lehrlinge hatten, und hatten dann Probleme, genügend Personal zu haben.“ Die Nachwuchs-Friseurinnen bekommen dafür eine solide Ausbildung mit viel Praxis-Bezug. Sie werden zu Seminaren geschickt und machen einmal pro Woche ein Lehrlingstraining mit zwei Friseurinnen – nach der Arbeitszeit. Mittlerweile sei es nicht mehr so leicht, viele Lehrlinge zu finden, die sich für den Beruf interessieren. Deshalb bemüht man sich hier um ein entsprechendes Arbeitsklima. „Wir sind wie eine große Familie. Klar kommt es einmal vor, dass etwas nicht passt, aber das wird dann sofort angesprochen und geklärt“, so Mayrhofer. Gemeinsame Betriebsausflüge oder einfach ein gemütliches Zusammensitzen und Plaudern nach einem anstrengenden Arbeitstag gehört da auch dazu. „So kann jeder wieder runterkommen und nimmt keine Sorgen von der Arbeit mit nachhause.“

Arbeit für die Gesundheit

Das Lebens.Med Zentrum in Bad Erlach gehört mittlerweile ebenfalls zu den größten Arbeitgebern in der Region, und auch hier ist man stets auf der Suche nach gut geschultem Personal, was nicht immer einfach ist. „Tatsächlich gibt es Bereiche – beispielsweise Medizin oder einzelne Therapeutengruppen –, wo es schwierig ist, kurzfris-
tig Stellen nachzubesetzen. Bislang hatten wir hier aber noch keine großen Probleme. Grundsätzlich gibt es mit den geregelten Dienstzeiten bzw. verschiedenen Arbeitszeitmodellen eine gute Vereinbarkeit von Beruf und anderen Verpflichtungen – wie etwa der Familie“, so Standortleiter Norbert Braunstorfer.

Auch hier versucht man daher, ein möglichst attraktiver Arbeitgeber zu sein. „Modern ausgestattete Arbeitsplätze zählen hier ebenso dazu wie die Unterstützung bei der laufenden Fortbildung oder unsere Offenheit für Innovationen. Zudem wird für alle Mitarbeiter eine Dienstkleidung vom Unternehmen zur Verfügung gestellt, und gegen einen geringen Beitrag gibt es täglich ein mehrgängiges, frisch gekochtes Mittagsmenü. In der dienstfreien Zeit kann von den Mitarbeitern der Wohlfühlbereich genutzt werden“, so Braunstorfer. Lehrlinge werden hier derzeit zwar nicht ausgebildet, aber es gibt die Möglichkeit für ein Praktikum.

Für Johann Ostermann sind es die Betriebe in der Region, die jungen Menschen eine Chance geben, ihren Traumberuf zu ergreifen. Nun müsse es gelingen, den Stellenwert dieser Facharbeiter in der Gesellschaft anzuheben.

Johann Ostermann, Tischlermeister und Obmann der Wirtschaftsplattform Bucklige Welt / Foto: Gerald Lechner

Standortleiter Norbert Braunstorfer (2. v. re.) präsentiert gemeinsam mit den Mitarbeitern unterschiedlichster Bereiche im Lebens.Med Zentrum Bad Erlach den neuen Onko.Leben-Blog, um onkologische Rehabilitation besser nach außen sichtbar zu machen / Foto: Lebens.Med Zentrum

Vorne: Elvira Riegler (li.) und Barbara Mayrhofer vom Friseurteam Edlitz mit ihren beiden Mitarbeiterinnen Corinna Brandstetter (li.) und Eva Heißenberger, die mit den Lehrlingen einmal wöchentlich den Trainigsabend machen / Foto: Rehberger