Ein Forschung­steam rund um Dr. Gert Dres­sel, Dr. Johann Hagen­hofer und Dr. Wern­er Sulz­gru­ber hat das Leben der jüdis­chen Fam­i­lien in der Region erforscht. Die Ergeb­nisse wer­den 2019 im Muse­um für Zeit­geschichte in Bad Erlach präsent­iert. Der Bote aus der Buck­li­gen Welt bietet im Rah­men ein­er Serie schon jet­zt einen Ein­blick in die span­nen­den Ergebnisse.

Jose­fine Daniel (re.) und ihre Schwest­er vor dem Grab­stein von Franziska Daniel. Ruth Con­tr­eras ent­deck­te das Bild in einem englis­chsprachi­gen Blog­beitrag und nahm mit der Autorin Kon­takt auf. Diese ent­pup­pte sich als Enke­lin von Jose­fine Daniel / Foto: Mar­i­anne Kwiatkowski

Katzels­dorf und Eich­büchl – eine beson­dere jüdis­che Geschichte

von | Nov 20, 2018 | Archiv

Die Erforschung der jüdis­chen Geschichte von Katzels­dorf und Eich­büchl wurde 2016 vom wis­senschaftlichen Leit­er des Forschung­spro­jek­tes „Die jüdis­che Bevölkerung der Region Buck­lige Welt – Wech­sel­land“ Wern­er Sulz­gru­ber selb­st über­nom­men. Im Ver­gle­ich zu den anderen von ihm unter­sucht­en Gemein­den (Bad Erlach, Lanzenkirchen, Schwarzen­bach und Walpers­bach) und auch jenen der gesamten Region trat­en in den bei­den Orten einige Beson­der­heit­en zu Tage. Hier waren Juden beispiel­sweise Schlos­seigen­tümer und Besitzer bzw. Pächter großer land- und viehwirtschaftlich­er Betriebe.

Schloss Eich­büchl

„Wen­ngle­ich man sich der Bedeu­tung von Schloss Eich­büchl im Zusam­men­hang mit der Grün­dung der Zweit­en Repub­lik bewusst ist und die unwahre Geschichte erzählt wird, dass Erwin Rom­mel – der später im Zweit­en Weltkrieg als „Wüsten­fuchs“ (im Afrikafeldzug) berühmt gewor­dene Kom­man­dant der Kriegss­chule Wiener Neustadt (Mil­itärakademie) und hoch deko­ri­ert­er Gen­er­alfeld­marschall – dort gewohnt habe, so geri­et die Tat­sache nahezu in Vergessen­heit, dass das Schloss vor 1938 in jüdis­chem Besitz gewe­sen war“, erzählt Sulz­gru­ber. Denn kurz nach der Jahrhun­der­twende hat­te die 47-jährige Witwe Ida Kary das Schloss erwor­ben. Sie machte durch eine Rei­he von sozialen Aktiv­itäten auf sich aufmerk­sam, zum Beispiel trat sie als „edle Förderin“ der Eich­büch­ler Feuer­wehr in Erscheinung.

Mit dem „Anschluss“ 1938 war es auch gle­ichgültig, dass Sohn Ste­fan Kary römisch-katholisch vere­he­licht war, son­dern der „Judenbe­sitz“ sollte rasch „arisiert“ wer­den, was schließlich durch den Kauf seit­ens ein­er sehr wohlhaben­den reichs­deutschen Fab­rikan­tin erfolgte.

Schloss Katzels­dorf

Aber auch das Schloss Katzels­dorf selb­st ste­ht mit jüdis­chen Wirtschaft­streiben­den und Gut­sher­ren in Verbindung, näm­lich seit den späten 1920er-Jahren als Pferde‑, Milch- und Land­wirtschaft. Im Gut­shof befand sich ein Tra­bergestüt der jüdis­chen Indus­triel­len­fam­i­lie Trebitsch mit einem Pfer­derennstall. Die kost­baren Pferde wur­den auf ein­er Tra­brennbahn eigens trainiert und herange­zo­gen. Zur Trebitsch-Dynas­tie zählten unter anderem der Tex­tilin­dus­trielle Leopold Trebitsch, Schrift­steller Siegfried Trebitsch, der Volk­skundler Rudolf Trebitsch und der Lit­er­at und Philosoph Arthur Trebitsch. Let­zter­er erre­ichte wegen sein­er Rassen­the­o­rien einen umstrit­te­nen Ruf.

Der Wirtschaft­shof des Schloss­es Katzels­dorf befand sich in Pacht. Hans Donath hat­te in seinem Meier­hof rund 100 Milchkühe und pro­duzierte vor allem „Olmützer Quargel“, der heute noch eini­gen Zeitzeu­gen in Erin­nerung ist.

„Der Akademik­er Inge­nieur Dok­tor Andreas Kon­dor wiederum betrieb auf dem ‚Gut Katzels­dorf‘ eine aus­gedehnte Land- und Viehwirtschaft. In kluger Weise führte er das Unternehmen in den 1930er-Jahren“, so Sulz­gru­ber zu diesem Punkt sein­er Forschungsarbeit.

1939 wurde das Are­al schließlich zu einem Pfer­de­lazarett der deutschen Wehrma­cht. Das Schloss und fast alle dazuge­hören­den Liegen­schaften waren Eigen­tum des deutschen Staates gewor­den, das hieß in der Nomen­klatur der NS-Zeit, es „ver­fiel dem Deutschen Reich“.

Am weit­eren Schick­sal der Fam­i­lie Kon­dor spiegelt sich die unglaubliche Odyssee manch­er jüdis­ch­er Bewohn­er wider. Das Ehep­aar kon­nte nach Eng­land aus­reisen, aber dort nicht Fuß fassen. In der Folge nahm es den Weg nach Afri­ka auf sich, um im krisen­geschüt­tel­ten Kenia in der Land­wirtschaft tätig zu sein – was bis in die 1960er-Jahre der Fall war. Doch wegen der Unab­hängigkeit­skriege und der Vertrei­bung der „Weißen“ ver­loren bei­de neuer­lich „den Boden unter ihren Füßen“. Schließlich wur­den die britis­chen Inseln ihr let­ztes Zuhause.

Som­mer­frische & Wein

Waren beru­flichen Aktiv­itäten von Juden in der Land- und Viehwirtschaft in dieser Größenord­nung zweifel­los ungewöhn­lich, so gab es im Ver­gle­ich dazu doch ein paar Wein­händler in der Region der Buck­li­gen Welt und des Wech­sel­lan­des. In Katzels­dorf hat­te der Wein­großhändler Philipp Man­dl Eigen­tum und ver­pachtete seine Gast­wirtschaft (später Gasthaus Langer, Haupt­straße 13). Er belieferte Gasthäuser und Zwis­chen­händler mit Wein aus Ungarn.

Das idyl­lis­che Katzels­dorf war zur Jahrhun­der­twende als Ort der Som­mer­frische bekan­nt und prof­i­tierte von der Nähe zu Sauer­brunn. So manche Vil­la diente als Rück­zug­sort für die geld­kräftigeren Städter, darunter auch Mit­glieder der jüdis­chen Mittelschicht.

Aufruf

Zwar ist das Forschung­spro­jekt offiziell been­det, den­noch beste­ht weit­er­hin die fol­gende Bitte an alle Leser: Wenn Sie Infor­ma­tio­nen über die jüdis­che Bevölkerung in Katzels­dorf, aber auch in Bad Erlach, Lanzenkirchen, Schwarzen­bach und Walpers­bach haben, wen­den Sie sich bitte an Dr. Wern­er Sulz­gru­ber: 0676/736 61 21 oder werner_​sulzgruber@​hotmail.​com