In unse­rer Serie „Lost Pla­ces“ bege­ben wir uns regel­mä­ßig auf die Suche nach Gebäu­den mit beson­de­rer Geschich­te. Und was könn­te in unse­rer Regi­on his­to­risch wert­vol­ler sein als die viel­fäl­ti­gen Wehr­kir­chen. Für unse­re aktu­el­le Serie haben wir uns eine Beson­der­heit her­aus­ge­sucht, einen Ort, der Zeug­nis der kämp­fe­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Buck­li­gen Welt ist: das Wehr­ober­ge­schoß der Edlit­zer Wehrkirche.

Dass die Wehr­kir­chen­stra­ße durch die Buck­li­ge Welt und das Wech­sel­land auf jeden Fall einen Aus­flug wert ist, kann man bei unse­rem Aus­flugs­tipp (Sei­te 12) nach­le­sen. In Edlitz befin­det sich mit der neu gestal­te­ten Wehr­kir­chen­do­ku­men­ta­ti­on der Aus­gangs­punkt die­ser his­to­ri­schen Rei­se durch die Regi­on. Die Kir­che selbst stellt auch eine Beson­der­heit dar, denn sie wur­de als eine der weni­gen Kir­chen die­ser Art nicht nach­träg­lich wehr­haft umge­baut, son­dern von Anfang an als Wehr­kir­che errich­tet – inklu­si­ve dem Wehr­obergeschoß. Gebaut wur­de das Gebäu­de zu einer Zeit, als die Angst vor den vor­drin­gen­den Osma­nen und Kuru­zen immer grö­ßer wurde.

Ent­füh­rung

Geschich­ten über jene Men­schen, denen es gelang, sich in das siche­re Ver­steck zu flüch­ten, sind nicht über­lie­fert. Wohl aber, was gesche­hen kann, wenn es nicht gelang, sich recht­zei­tig in Sicher­heit zu brin­gen. Eine Bela­ge­rung der Kuru­zen wur­de dem dama­li­gen Edlit­zer Pfar­rer zum Ver­häng­nis. Er wur­de von dem Angriff über­rascht und ver­steck­te sich in sei­ner Ver­zweif­lung nicht etwa im Wehr­ober­ge­schoß, son­dern in der Über­da­chung des Zieh­brun­nens im Pfarr­hof. Die Fein­de spür­ten ihn auf und nah­men ihn gemein­sam mit den kirch­li­chen Kost­bar­kei­ten mit nach Güns. Erst als der Kai­ser ein Löse­geld bezahl­te, wur­de der Kir­chen­mann wie­der frei­ge­las­sen und konn­te heimkehren.

Ver­steck

Das Wehr­ober­ge­schoß der Pfar­re dien­te jenen Men­schen, denen es recht­zei­tig gelang, sich in die Kir­che zu flüch­ten, als Ver­steck. Eine Beson­der­heit in Edlitz bil­den die soge­nann­ten Block­kam­mern. So gab es im Dach­bo­den der Kir­che sozu­sa­gen ein Haus im Haus. „Die Zwi­schen­mau­ern dien­ten ver­mut­lich dazu, eine Sepa­ra­ti­on ein­zel­ner Grup­pen sicher­zu­stel­len. Man muss sich vor­stel­len, dass man mit Zug und Zeug, Kind und Kegel, in das Wehr­obergeschoß geflo­hen ist. Durch die ein­zel­nen Kam­mern woll­ten die Kir­chen­her­ren sicher­stel­len, dass etwa Män­ner und Frau­en in getrenn­ten Kam­mern unter­ge­bracht waren“, so Wehr­kir­chen-Exper­te Roman Lech­ner. Die Men­schen ver­harr­ten dort oben, bis die Gefahr gebannt war. Ziem­lich sicher ohne die Mög­lich­keit, zu kochen oder sich zu wär­men. „Man muss sich nur anschau­en, was gera­de mit der Kathe­dra­le Not­re-Dame in Paris pas­siert ist. Wir spre­chen auch beim Wehr­ober­ge­schoß in Edlitz von hun­der­ten Fest­me­tern tro­cke­nem Holz und Staub. Jede Art von Feu­er zu machen wäre auch damals schon viel zu gefähr­lich gewe­sen“, so Lechner.

Ver­tei­di­gung

Das Wehr­ober­ge­schoß dien­te aber nicht nur als Ver­steck, son­dern auch zur Ver­tei­di­gung. Durch die soge­nann­te Pech­na­se, dem Wehr­er­ker, wur­den Angrei­fer ver­mut­lich mit Stei­nen bewor­fen. Auch ein Lade­stock für ein Vor­der­la­der-Gewehr wur­de gefun­den, einer der weni­gen Hin­wei­se auf Waf­fen­ge­brauch. Dass tat­säch­lich Pech oder hei­ßes Was­ser hin­ab­ge­schüt­tet wur­de, darf auf­grund der Brand­ge­fahr bezwei­felt wer­den. Durch hoch­zieh­ba­re Lei­tern war der Raum aller­dings kaum einnehmbar.

Vir­tu­ell erleben

Das letz­te Mal in Ver­wen­dung war das Wehr­ober­ge­schoß ver­mut­lich 1708/1709. Noch heu­te kann man sich das Wehr­ober­ge­schoß anse­hen, aller­dings ist der Auf­stieg nicht ganz unge­fähr­lich und erfor­dert eine gewis­se Tritt­si­cher­heit. Viel beque­mer geht es vom Com­pu­ter aus, denn im Zuge der Neu­ge­stal­tung der Aus­stel­lung wur­de der vir­tu­el­le Rund­gang durch die Buck­li­ge Welt auch um das Wehr­ober­ge­schoß in Edlitz erwei­tert: edlitz.panaustria.at

Auf­ruf

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In unse­rer nächs­ten Aus­ga­be zei­gen wir ein Gast­haus in Bad Erlach, in dem die Zeit ste­hen­ge­blie­ben ist.